Martin Kather: Über das Stimmen von Clavichorden
04. Januar 2025
DCS-Präsident Martin Kather wird seinen seit 1993 regelmäßig während der Clavichordtage stattfindenden Stimmkurs nicht weiter durchführen. Auch ist unklar, ob er noch in der Lage sein wird, weitere ausführliche Artikel zum Stimmen von Clavichorden zu verfassen. Aus diesem Grund hat er seine Unterlagen zu dem bisherigen Workshop in Manuskriptform gebracht (Stand: 2016) und stellt sie hiermit allen Interessierten zum Herunterladen bereit. Das Kursmanuskript haben wir – als sechsten und letzten Teil der zuvor veröffentlichten Beitragsserie „Über das Stimmen von Clavichorden“ – der untenstehenden Download-Liste hinzugefügt. Damit wird auch ein kleines Stück der bisherigen DCS-Geschichte hier auf der Website dokumentiert. Viel Freude damit!
- Teil 1: Grundlagen des Stimmens (PDF, 139 KB)
- Teil 2: Stimmtonhöhen (PDF, 130 KB)
- Teil 3a: Über das Temperieren (PDF, 472 KB)
- Teil 3b: Temperatur und Chat GPT (PDF, 167 KB)
- Teil 3c: Was heißt eigentlich „Mitteltönig“? (PDF, 282 KB)
- Teil 3d: Was ist modifiziert Mitteltönig? (PDF, 138 KB)
- Teil 4: Was ist eine „Bach-Stimmung“? (PDF, 251 KB)
- Teil 5: Schwingung, Schwebung, Vibrato, Bebung, Tragen der Töne (PDF, 184 KB)
- Teil 6: Workshop-Manuskript „Stimmen von Clavichorden“ (1993–2024) (PDF, 1,6 MB)
Die Serie ist hiermit abgeschlossen.
Die DCS auf Sozialen Medien
05. Dezember 2024
- Wir haben seit einigen Wochen einen Instagram-Account mit dem Accountnamen dcs.1993. Um dorthin zu gelangen, klicken Sie einfach auf diesen Link: instagram.com/dcs.1993
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Licht und Schatten
Gedanken zur neuen Gesamtausgabe der Suiten Frobergers¹
1 Dieser Text erschien in einer etwas kürzeren Version erstmalig in der Zeitschrift »DIE TONKUNST«, April 2024, Nr. 2, Jg. 18 (2024), ISSN: 1863-3536
Auch wenn im Titel der hier besprochenen Ausgabe das Cembalo als hauptsächlicher Adressat der Suiten Frobergers genannt ist, dürfte es für jede Clavichordistin und jeden Clavichordisten eine Selbstverständlichkeit sein, dieses wunderbare Repertoire auf dem expressivsten aller Tasteninstrumente zu spielen. Endlich liegt jetzt ein kompakter Band vor, in dem alle bisher bekannten Suiten vereint sind. Den Stärken und auch Schwächen der Edition soll hier nachgegangen werden. Das mag dabei helfen, nach dem Erwerb des Bandes den adäquaten Umgang mit dem Notenmaterial mit Hilfe eines korrigierenden Bleistifts zu befördern und den Weg zu einer angemessenen Interpretation zu finden.
Bereits für das Frühjahr 2022 von Verlagsseite angekündigt, dauerte es dann doch bis zum Ende des Jahres 2023, dass in der Urtext-Reihe des G. Henle Verlages die von allen Froberger-Freunden herbeigesehnte Ausgabe der Suiten erscheinen konnte. Der holländische Organist, Cembalist und Musikwissenschaftler Pieter Dirksen hat sich über Jahre hinweg der gewaltigen Aufgabe gestellt, auf der Basis eines umfangreichen und nicht unkomplizierten Quellenmaterials einen Notentext vorzulegen, der einerseits wissenschaftlichen Ansprüchen genügen möchte, andererseits aber auch im praktischen Gebrauch seine Aufgaben erfüllen kann. 28 Suiten folgen der Anordnung von Guido Adlers bahnbrechender DTÖ-Ausgabe von 1899. Dazu kommen sechs weitere Suiten, die bei Adler nicht enthalten sind, eine fällt aus Gründen angezweifelter Authentizität weg. Eine Reihe von Suiten aus der Tabulatur Grimm, die Siegbert Rampe in der Gesamtausgabe bei Bärenreiter Froberger zugeschrieben hat, wurde von Dirksen nicht berücksichtigt. Abgerundet wird die Sammlung dieser zentralen Gattung eines der bedeutendsten Komponisten von Tastenmusik überhaupt mit zwei seiner berühmtesten Werke, den Tombeaux auf den Lautenisten Blancrocher und auf Kaiser Ferdinand III.
Dirksen erwähnt erfreulicherweise auch diejenigen Suiten, die in einem bei Sotheby’s 2006 versteigerten Froberger-Autograph enthalten sind, das aber von einem französischen Sammler unter Verschluss gehalten wird. Ein wenig unglücklich hat der Herausgeber für dieses Manuskript den Arbeitstitel »Libro Sesto« gewählt. Eine autographe (Leopold I. gewidmete) Sammlung von 1658 enthält keine Suiten, hat nicht den Charakter eines »Libro« und wurde von Froberger auch nicht als solches bezeichnet. Sie müsste aber »Libro quinto« heißen, damit die neue Bezeichnung eventuell sinnvoll wäre. Dennoch wird sich vermutlich der neugeschaffene Titel einbürgern und bedauerlicherweise als Faktum verselbstständigen. Ein Vorwort mit einer Biographie Frobergers, die in einigen Details nicht belegbare Vermutungen als gegebene Tatsachen präsentiert, sowie an das Ende gestellte Anmerkungen zur Aufführungspraxis runden den Band ab. Hat Rampe die Musik noch stark mit dem Clavichord in Verbindung gebracht, so reklamiert Dirksen das Œuvre nun nahezu ausschließlich für das Cembalo. Nicht diskutiert wird die oft heiß debattierte Frage der Temperierung des Instruments.
Die Edition der beiden autographen Bücher von 1649 und 1656 stellt den Herausgeber vor keine allzu großen Probleme. Meist geht es um die Ergänzung offensichtlich fehlender Akzidentien oder Haltebögen. Dazu werden verfügbare Nebenquellen herangezogen und Korrekturen bzw. Vorschläge im Bemerkungsteil oder als Fußnoten angegeben. Konjekturen, die sich nicht aus den Nebenquellen belegen lassen, werden wie beispielsweise in Takt 9 der Allemande der 9. Suite in Klammern gesetzt und dadurch kenntlich gemacht. Lediglich in Takt 9 der 12. Suite finden sich ohne Kennzeichnung Auflösungszeichen vor den beiden letzten Zweiunddreißigsteln in der rechten Hand, die sich nicht in der Handschrift nachweisen lassen und über die man diskutieren könnte. Denn auch hier, wie an sehr vielen Stellen in den Froberger-Quellen, lässt sich die Schreibgewohnheit des 17. Jahrhunderts beobachten, dass Akzidentien für ihre Umgebung gelten, also nicht nur vor, sondern auch nach entsprechenden Noten auftreten und einer kundigen Auslegung bedürfen. In dieser Passage geht es um einen Übergang von c-Moll über D-Dur nach g-Moll. Selbstverständlich würde ein es 1 querständig zum folgenden fis 1 unschön klingen, fis 1 satt f 1 wäre aber ebenso wünschenswert, um eine hier nicht unbedingt angezeigte Chromatik zu vermeiden. (Eine exakte Parallelstelle dazu findet sich übrigens in Takt 4 der 14. Suite. Dort hat Peter Wollny, der Herausgeber des Berliner Manuskripts SA 4450, fis 1 und e 1 ergänzt, Dirksen ergänzt das Auflösungszeichen bei e 1 stillschweigend, verzichtet aber auch hier auf das Kreuz vor f 1.) Auch ist der nicht autographe Taktstrich zwischen e 1 und fis 1 wenig hilfreich im Zusammenhang mit dem quasi improvisatorischen Stil des Lamentos. Das scheinen Kleinigkeiten zu sein, an späterer Stelle wird aber noch deutlich werden, wie stark sie sich auf die musikalische Substanz auswirken können.
Mit Suite 13 beginnt editorisch gesehen der weitaus schwierigere Teil, weil der relativ sichere Boden der Frobergerschen Eigenschriften verlassen werden muss. Dirksen entscheidet sich jeweils für eine Hauptquelle, oft für SA 4450, aber auch für die unter den Namen Bulyowski, Bauyn, Grimm oder Tappert bekannten Handschriften. Verglichen werden damit auch zusätzliche Nebenquellen wie Ms. 743 aus dem Wiener Minoritenkonvent und Etienne Rogers Amsterdamer Druck von 1698. Das Quellenverzeichnis zu Beginn der Bemerkungen gibt dankenswerterweise über die sage und schreibe insgesamt 25 Quellen gut verständliche Auskunft. Änderungen am Text der Hauptquelle auf Basis der Nebenquellen werden in den Noten nicht kenntlich gemacht, können aber anhand der Einzelbemerkungen nachvollzogen werden. So wird eines der Hauptprobleme der Froberger-Gesamtausgabe bei Bärenreiter – freilich vor allen Dingen aus der Sicht des ausführenden Musikers – umgangen. Dort sind alle abweichenden Lesarten als Ossia in den Notentext aufgenommen. Das erleichtert zwar eine individuelle Auswahl, macht das Notenlesen aber zu einer mühseligen Aufgabe.
Die bessere Zensur hinsichtlich der Benutzbarkeit verdient sich nicht nur wegen der Übersichtlichkeit, sondern auch wegen des schönen und großen Notendrucks der Henle-Verlag. Allerdings ist auch diese Ausgabe nicht ganz frei von kleinen Flüchtigkeitsfehlern. Einige Beispiele aus der Suite Nr. 16: In Takt 7 der Courante sollte ein dis 1 statt eines d 1 in der Altstimme erklingen, in der Sarabande ist der Auftakt zum 2. Takt in der Oberstimme ein c 2 statt h 1, und in Takt 16 der Gigue muss die erste Note ein g 1, kein h 1 sein. In der Gigue der Suite Nr. 16 findet sich in Takt 13 auf der vierten Zählzeit im Tenor ein entstellendes h. In den Bemerkungen wird auf den Takt zwar eingegangen, um herauszufinden, dass das h nicht hierhin gehört, muss der Nutzer die Quellen selbst befragen. Der Ton findet sich in keiner derselben.
Problematisch ist die Ersetzung der von Adler mit der Nummer 22 versehenen Suite (sie wird als nicht authentisch angesehen) durch eine vom Herausgeber rekonstruierte Suite in G. Verwirrend in Hinblick auf das Werkverzeichnis (FbWV 622) ist die Tatsache, dass es jetzt eine Suite 22 gibt, die im Werkverzeichnis die Nummer 637 erhalten hatte. Zudem kann man zu dem vorgelegten Text einige Fragen nicht vermeiden. Ist das cis 1 im Tenor von Takt 1 der Allemande richtig (oder eher c 1)? Kann Takt 7 so gemeint sein oder wäre statt der Kleinsekundreibung nicht eher ein Terzengang in den beiden Oberstimmen zu erwarten? Hat der glänzende Kontrapunktiker Froberger tatsächlich den Takt 7 des Doubles so komponiert (mit unwahrscheinlichem Tritonus dis 1–gis 1)? Über all das wäre zu diskutieren.
Ein Schlüsselwerk für Frobergers symbolische und bildhafte Tonsprache ist die Suite in e-Moll FbWV 627. Den lebensgefährlichen Sturz eines Reisegefährten aus einem Beiboot in den bei St. Goar stark strömenden Rhein und dessen Rettung hat Froberger miterlebt und in einer frei zu spielenden Allemande mit 26 Stationen musikalisch festgehalten. Seit dem Wiederauftauchen von SA 4450 im Jahr 2006 kann anhand des beigefügten Textes jede Station exakt nachverfolgt werden. Unverständlich ist, warum im Haupttext der Ausgabe die 25. Station weggelassen und vom Herausgeber durch eine andere Schlusswendung ersetzt wird. Der subdominantische Quintsextakkord, hier ein Symbol für die Rettung, ist im gesamten Œuvre Frobergers von eminenter Bedeutung. Er fällt nach diesen Änderungen weg. Die in den Bemerkungen gebotene Erklärung, der Herausgeber sei der Meinung, »dass die Fassung ohne Programm der ursprünglichen Werkgestalt näher kommt, und so auch musiziert werden sollte« wird nicht belegt und ist wenig überzeugend. Aber zum Trost ist die komplette Fassung in kleinem Notenstich samt Text im Anhang aufgeführt.
Die oben angesprochene kontextbezogene Setzung der Akzidentien führte im Tombeau auf Ferdinand III. bereits in Adlers Ausgabe zu einem gravierenden Missverständnis. Der Schreiber der Minoriten-Handschrift 743 setzt das b vor dem Ton a 1 im ersten Takt erst beim zweiten Auftreten im Akkordkomplex. So hat es Adler übernommen, Howard Schott in seiner Ausgabe von 1977 verfährt analog, Rampe desgleichen, und als Endergebnis steht das Werk unter der Tonart F-Dur im FbWV. Zahlreiche Tondokumente bedeutender Interpreten geben den Text genau so wieder. Der chromatische Schritt im Akkord wird im Sinne einer falsch verstandenen Affektenlehre als besonders traurig, aufregend und modern gefeiert. Glücklicherweise hat Simon Maguire in der Beschreibung des versteigerten und nun unzugänglichen Autographs auf die richtige Vorzeichensetzung des ersten Taktes hingewiesen. Daraus geht eindeutig hervor, dass sogleich der erste gebrochene Akkord in seiner ganzen Ausdehnung ein f-Moll-Akkord sein muss. Ebenso ist die Rückung auf die vierte Stufe am Ende von Takt 2 b-Moll und nicht B-Dur. Maguires Text für die Sotheby’s-Auktion hat Dirksen im Quellenverzeichnis aufgeführt, die entsprechende Stelle aber offensichtlich nicht zur Kenntnis genommen. Sie ist übrigens in der jüngeren Froberger-Literatur zitiert. Man wird sich damit abfinden müssen, dass aufgrund eines gravierenden Fehlers im Notentext für einige weitere Dezennien ein Werk Frobergers mit einem entstellten Exordium zu hören sein wird.
Unter Nachlässigkeiten leidet auch das Tombeau FbWV 632. Nicht nur, dass der Name des Pariser Lautenisten in der aus SA 4450 übernommenen Überschrift wie auch im Vorwort falsch geschrieben ist (Blanrocher statt Blancrocher), erheblich gravierender ist ein Fehler in Takt 34 am Ende des Tombeaus. Auch er geht auf Guido Adler zurück und hat sich hartnäckig gehalten. Auf der ersten Zählzeit von Takt 34 erklingt über dem Orgelpunkt G eigentlich ein g-Moll-Akkord. Bei Adler wird die Quinte d 1 zu einem des 1 erniedrigt, was den einen als Fehlgriff erscheint, den anderen als Ausdruck hoher Expressivität, besonders dann, wenn das Cembalo mitteltönig gestimmt ist und statt des 1 also ein cis 1 erklingt. Eine im Verlag Schott erhältliche romantisierende Klavierausgabe von 1935 unterstreicht die wiederholten Töne mit Akzentuierungszeichen. Dabei ist die Sache mit einem genauen Blick in die Minoriten-Handschrift ganz einfach aufzulösen. Exakt an dieser Stelle wechselt der Schreiber vom Violin- in den Sopranschlüssel zurück. Das macht die neuerliche Setzung der beiden Vorzeichen für es 1 und b 1 erforderlich. Beide Zeichen stehen in der Handschrift eindeutig platziert. Adler hat sich ganz einfach verlesen. Howard Schott hat stillschweigend korrigiert, Siegbert Rampe war etwas unsicher und schlägt für a 1 in der Oberstimme auf der zweiten Zählzeit ein as 1 vor, aber Dirksen bleibt bei dem unseligen falschen Ton, obwohl seine hier als Ossia angegebene Hauptquelle SA 4450 den richtigen Ton bereithält. Den schlechteren Schluss zieht er mit demselben Argument wie bei der Änderung in der Suite Nr. 27 vor. Die beiden hinzugefügten Erniedrigungszeichen vor e und E in der absteigenden Tonleiter am Ende des Stückes finden sich übrigens nicht in der Quelle, sind also stillschweigend hinzugefügt.
Diese Mängel hätten nicht sein müssen. Vielleicht entschließt sich der Verlag, zukünftig den Verkaufsexemplaren eine Korrekturliste beizulegen, um die Tradierung falscher Töne zu verhindern. Denn eigentlich ist der Suitenband jedem Spieler besaiteter Tasteninstrumente zu empfehlen. Die Textqualität steht trotz der aufgezeigten Mängel den anderen auf dem Markt erhältlichen Ausgaben nicht nach, dabei ist das Suiten-Korpus nicht auf mehrere Bände verteilt und ist, nicht zuletzt deshalb, ungleich preiswerter als bei der Konkurrenz zu erwerben.
Hier der Titel der Ausgabe:
Johann Jacob Froberger
Suiten für Cembalo
Herausgegeben von Pieter Dirksen
G. Henle Verlag, 2023
Reutlingen, August 2024
Alfred Gross
Stefan Seyfried aus Mitterfels hat zu jeder Taste eine Geschichte
11. April 2024 | von Manuel Bogner
Der stellvertretende Leiter der Kreismusikschule in Mitterfels hat 13 alte und seltene Tasteninstrumente bei sich zu Hause stehen. Ein Blick in Stefan Seyfrieds Sammlung.
Wer einen Blick in Stefan Seyfrieds Dachgeschoss wirft, erkennt seine Faszination für Tasteninstrumente sofort. (Foto: Manuel Bogner)
„So langsam geht mir der Platz aus“, sagt Stefan Seyfried und lacht, während er in das Dachgeschoss seines Hauses geht. Er betritt ein großes Zimmer, in jeder Ecke steht ein großes Tasteninstrument. „13 Stück sind es inzwischen“, erzählt der stellvertretende Leiter der Kreismusikschule Straubing-Bogen. „Irgendwo liegt auch noch ein Keyboard und hinten steht meine elektronische Orgel. Die zähle ich aber nicht dazu.“
Der Musiker sammelt seit Jahren historische Tasteninstrumente und gibt ihnen ein neues Zuhause. Diese unterscheiden sich zum Beispiel in der Mechanik, also wie ein Ton beim Drücken einer Taste entsteht, aber auch in der Klangfarbe, der Bauart und vielen anderen Aspekten. Das bedeutet: Was Tasten wie bei einem Klavier hat, muss nicht nur ein Klavier sein. Als erstes Exemplar kaufte sich Seyfried zum Beispiel ein sogenanntes Clavichord. Kurz darauf wurde er bei einem Kurs für alte Musik gefragt, ob er ein Cembalo habe. „So wurden es mit der Zeit immer mehr, auch weil ich mit vielen Sammlern und Experten in Kontakt war.“ Die Sammlung ist im fließenden Übergang entstanden, sagt Seyfried. Fast als hätten sie sich selbst vermehrt.
Stefan Seyfried sitzt an einem Tafelklavier von der Firma Érard Fréres, datiert 1807. Den Klang des Instruments kann er auf viele Weisen manipulieren, da das Instrument vier Pedalen mit verschiedenen Funktionen hat. (Foto: Manuel Bogner)
Die Instrumente auf dem Bild haben jeweils einen besonderen Klang, eine andere Mechanik und eine unterschiedliche Spielweise. (Foto: Manuel Bogner)
Für all seine Instrumente hat Seyfried laut eigener Schätzung etwa die Summe ausgegeben, die eine Limousine der Oberklasse kosten würde. Dazu kommen die Kosten der Instandhaltung. Verkaufen könne man sie heute nur schwer, erklärt Seyfried. Die Preise seien im Keller und die Instrumente nur noch etwas für wahre Liebhaber.
Die Instandhaltung kann sehr aufwendig sein
In Seyfrieds Wohnzimmer steht ein Klavier des Herstellers Érard Fréres: Das auf 1807 datierte Instrument aus Paris wurde mit neuen Saiten und Tasten restauriert. Der alte Belag aus Elfenbein und Ebenholz ist jedoch weiterhin auf den Tasten, auch der Rest des Klaviers ist im Originalzustand. „Ein befreundeter Cembalobauer wollte einmal einen Dämpfer reparieren“, erzählt Seyfried. „Doch da hat wohl schon mal wer rumgetüftelt, denn wir haben auf den alten Dämpfern Schnipsel einer französischen Zeitung aus dem Jahr 1807 gefunden.“
Seyfried hat das Instrument im Internet bei einer Klavierbauerin ersteigert. Viele seiner Instrumente hat er auf der Verkaufsplattform „eBay“ oder ähnlichen Seiten im Internet gefunden. Das Érard Fréres war bereits restauriert. „Dadurch war es relativ günstig, da die Restauration das Dreifache gekostet hätte.“ Bei der Ersteigerung des Instrumentes habe Seyfried aber Konkurrenz gehabt: Ein Schweizer hat auch auf das Tafelklavier geboten. „Doch der hätte sowieso ein Problem gehabt, das Elfenbein über die Grenze zu kriegen“, sagt Seyfried und lacht.
Oben in seinem Dachgeschoss stehen die restlichen Instrumente, sowie ein Thermometer und ein Messgerät für Luftfeuchtigkeit. So schafft er die bestmöglichen Voraussetzungen für die Instrumente. „Dann muss ich die Saiten auch nicht so oft stimmen“, sagt der Musiker. „Ich habe die Wahl: Entweder ich investiere viel Zeit oder Geld.“ Je mehr Chöre ein Instrument hat, desto mehr Saiten sind auf einer Taste gespannt – und umso länger muss Seyfried tüfteln, um den richtigen Ton zu bekommen.
Bei dem kompliziertesten Klavier in seiner Sammlung kann das Stimmen bis zu 90 Minuten dauern, da das Instrument teils dreichörig ist. Das bedeutet, dass Seyfried diese Noten dreimal stimmen muss, bis er es wieder spielen kann. Es handelt sich dabei um ein Klavier des Herstellers Louis Kulmbach. Dieses Instrument hat sogar eine eingebaute Pauke, die jedoch nicht erhalten blieb. An dieser Stelle befindet sich nun ein Holzbrett, das ein quietschendes Geräusch von sich gibt, wenn Seyfried die Pedale drückt. „Wenn ich viel Zeit habe, mache ich da ein dünnes Fell hin“, sagt er.
Von Mozart und schottischen Schlössern
Hinter vielen Instrumenten in Seyfrieds Dachgeschoss stecken spannende Geschichten: Auf einem Klavier steht zum Beispiel kaum lesbar „John Hingston, Fitzroy Square, London“. Doch ob John Hingston ein Ladenbesitzer oder Hersteller des Klaviers war, ist unklar. Seyfried fand das Instrument bei einem Händler, der die Bauteile in einer Kiste in London aufgetrieben hatte. Der Verkäufer in der britischen Hauptstadt wollte keinen Rabatt auf andere Einkäufe geben, deshalb bekam er stattdessen die Kiste. Nachdem das Tafelklavier wieder zusammengebaut war, fiel auf, dass die Beine fehlten. Seyfried kaufte es mit neuen Beinen – und recherchierte mehrere Jahre lang, wer denn nun John Hingston sei.
Lange hatte er keinen Erfolg, bis der Musiker eines Tages zufällig auf der Plattform „Pinterest“ auf Bilder eines schottischen Schlosses stieß. Jemand hatte die Inneneinrichtung fotografiert: Darunter auch ein Klavier ohne Beine – von John Hingston. Diese zufällige Bildunterschrift bestätigte Seyfried, dass es doch weitere Klaviere von diesem Mann gibt. „Ich weiß aber nur von diesen zwei“, sagt Seyfried. „Die Machart erinnert mich zudem eher an ein Instrument der Firma Broadwood. Denn im Resonanzboden ist ein Spalt, in dem die Mechanik erweitert wurde. Dadurch erhält man einen größeren Tonumfang, also zusätzliche Tasten und Noten.“
Das seltenste und älteste Stück aus Seyfrieds Sammlung ist jedoch ein Pantaleon, ein kleines Tafelklavier aus dem letzten Drittel des 18. Jahrhundert, das den Klang eines großen Hackbretts nachempfindet. Zudem hat er Cembali und Spinette, sowie mehrere Clavichorde. Darunter ist auch das neuste Instrument: Ein Clavichord, das nach Mozarts Reiseklavier gebaut wurde. Auf dem kleinen Instrument konnte sich der Komponist austoben, ohne jemanden zu stören.
An jeder Taste hängen für Seyfried besondere Erinnerungen, Geschichten und historische Fakten. „Inzwischen weiß ich nicht mehr, was ich noch brauchen könnte“, sagt er. „Es wird sowieso langsam zu eng. Aber aus Erfahrung kann ich sagen: Irgendetwas Neues finde ich immer.“
Wie der Klang entsteht
Ein klassisches Klavier findet man bei Seyfried nicht. Stattdessen gliedern sich seine Tasteninstrumente in drei Arten der Mechanik. Denn je nach Gattung entsteht der Ton auf eine andere Weise, wenn man auf die Tasten drückt. Entweder schlägt ein kleiner Hammer auf die Saite oder sie wird gezupft. Letzteres ist zum Beispiel durch die Kiele von Vogelfedern möglich. Doch heutzutage werden eher kleine Plastikplättchen verwendet, welche die Saiten in Schwingung versetzen. Zudem kann die Saite mithilfe einer Tangente angeschlagen und abgeteilt werden. Das bedeutet, die Saite wird von unten „angedrückt“, etwa wie wenn man mit einem Finger schnell auf eine Gitarrensaite drückt. Diese Technik der Tonerzeugung wird nur bei Clavichorden genutzt.
Information:
Wer einen Einstieg in die Welt des Clavichords will, kann am 13. April zu Stefan Seyfrieds Vortrag zu dem Instrument kommen. Weitere Informationen unter http://www.musikschule.straubing-bogen.de
30 Jahre Deutsche Clavichord Societät e.V.
1993–2023
22. Februar 2023
Im 30sten Jahr unseres Bestehens freuen wir uns besonders zu sehen, dass das Interesse am Clavichord weiterhin besteht und wir mit unseren Tagungen, den Rundbriefen, unseren Konzerten, Workshops, der Website und vielen anderen Dingen das Interesse an diesem schönen Instrument aufrecht erhalten und neue Mitglieder gewinnen können. In 30 Jahren ist viel geschehen, viele Vorstandsmitglieder haben den Verein bisher geführt und zu einer Menge an erinnerungswürdigen Clavichordtagen beigetragen. Damit das so bleibt, brauchen wir immer wieder neue Mitglieder, neuen Schwung, neue Ideen und auch viel Geduld und Durchhaltevermögen. Dass das so bleibt, dafür sorgt das Clavichord selbst, ist es doch das erste Tasteninstrument mit Saiten überhaupt; und bisher hat es sich noch von niemandem verdrängen lassen. Insofern müssen wir diesem kleinen leisen Instrument einfach immer wieder seine Plattform verschaffen.
»Ist das Clavichord interessant für junge Menschen?«
07. Februar 2023
Ein Interview mit dem Spieler Julius Hartung, 16 Jahre alt.
- Deutsch: Interview_Julius-Hartung_DE.pdf (PDF, 82 KB)
- Englisch: Interview_Julius-Hartung_EN.pdf (PDF, 89 KB)
Wechsel im Vorstand der DCS
11. Mai 2022
Bei der Mitgliederversammlung anlässlich der 46. Clavichordtage der DCS in Wesel kam es durch die Neuwahl des Vorstandes zu einer teilweisen personellen Umbesetzung im leitenden Gremium unseres Vereins:
Zur neuen Vorsitzenden und Präsidentin der DCS wurde gemäß Abstimmung durch die anwesenden Mitglieder die Kölner Musikerin Suzana Mendes gewählt.
Als Vizepräsident wurde Martin Kather im Amt bestätigt, ebenso führt Hartmut Schlums weiterhin das Amt des Schatzmeisters.
Zum neuen Schriftführer gewählt wurde der stellvertretende Schulleiter der Kreismusikschule Straubing-Bogen, Stefan Seyfried. Beide, neue Amtsträgerin und neuer Amtsträger, sind langjährige Mitglieder und Begleiter der DCS.
Der damit ausscheidende bisherige Präsident der DCS, Dr. Guido Sold aus Wesel, wurde mit der Verleihung der Ehrenmitgliedschaft für sein über 5 Jahre währendes Engagement als Vereinsvorsitzender bedacht.
Der neu gewählte Vorstand der DCS: Stefan Seyfried, Hartmut Schlums, Suzana Mendes und Martin Kather
Clavichordstipendien
07. Januar 2017
Anonymes dreifach gebundenes Clavichord, Flämisch [?] ca. 1620, Russell Collection, Edinburgh, Nr. 4486. Foto: Thomas Pfeiffer
Aktuelles zu unseren Stipendiaten:
Die Deutsche Clavichord Societät hat sich seit ihrer Gründung im Jahr 1993 der Pflege und Wiederbelebung der Clavichordkultur verschrieben. Dies geschieht seit diesem Jahr auch durch Instrumentenstipendien in Form einer zeitlich befristeten Überlassung jeweils eines von drei Clavichorden.
Ermöglicht wird das Projekt durch die großzügige Stiftung des im Jahre 2015 viel zu früh verstorbenen Freundes und Mitgliedes Dr. Michael Dalhoff. Schon zu Lebzeiten hat Michael Dalhoff den Wunsch geäußert, dass drei Clavichorde aus seiner Instrumentensammlung nach seinem Tod der Deutschen Clavichord Societät übereignet werden und fortan im Sinne der Förderung der Clavichordkultur, insbesondere in der Förderung des Nachwuchses eingesetzt werden. Diesen Wunsch kann die Deutsche Clavichord Societät mit der Vergabe von Instrumentenstipendien in Form einer zeitlich befristeten Überlassung seither Wirklichkeit werden lassen. Mit der Überlassung eines Instruments soll für den Nutzer/die Nutzerin die Möglichkeit, aber auch die Verpflichtung verbunden sein, zwischenzeitlich, am Ende der Überlassungsperiode oder in einem angemessenen Zeitrahmen danach ein Konzert im Rahmen der Clavichordtage zu geben oder in anderer geeigneter Weise die Resultate seiner/ihrer Clavichordarbeit der Öffentlichkeit zugänglich zu machen.
Das Projekt hat nun die ersten künstlerischen Ergebnisse hervorgebracht:
Ein gebundenes Clavichord nach der Urbino-Intarsie (ca. 1479) von Pierre Verbeek wurde an Veit-Jacob Walter vergeben. Veit-Jacob Walter widmet sich im Besonderen der Musik aus der Zeit des 13. bis 15. Jahrhunderts und verfolgt dabei vor allem das Anliegen, ikonographische Auswertungen mit schriftlichen Quellen zu Musik und Instrumentenbau zu verbinden und in die Aufführungspraxis zu integrieren. Der mehrfache Preisträger (u.a. zahlreiche Preise beim Bundeswettbewerb Jugend musiziert, Gewinner des Händelwettbewerbs Karlsruhe in der Kategorie Cembalo und des Concours artistique d’Épinal/France) studierte mittelalterliche Tasteninstrumente bei Corina Marti an der Schola Cantorum Basiliensis und Cembalo bei Prof. Jörg Halubek an der Bruckneruniversität Linz und schloss beide Studiengänge mit Auszeichnung ab. Ab dem Herbstsemester 2016 wird er seine Studien im Bereich mittelalterliche Tasteninstrumente bei Corina Marti an der Schola Cantorum Basiliensis im Master-Studium fortsetzen. Die Ergebnisse seiner Beschäftigung mit dem Urbino-Clavichord konnte man in einem fulminanten Konzert im Rahmen der Clavichordtage in der Welschnonnenkirche Trier erfahren. Ein weiterer Bericht dazu soll folgen.
Die zweite Stipendiatin ist Ying-Li Lo. Sie wurde in Taiwan geboren. Nach ihrem ersten Klavierunterricht bei Jie-Wen Wu setzte sie 1996 ihre Klavierausbildung an der staatlichen Oberschule „Hsin-Tien” bei Prof. Alexander Sung fort. Ab 2002 absolvierte sie ein Klavierstudium bei Prof. Thomas Steinhöfel an der Hochschule für Musik Franz Liszt Weimar, seit 2007 studiert sie am dortigen Institut für Alte Musik bei Prof. Bernhard Klapprott Cembalo und Clavichord. Seit 2013 ist sie als Lehrbeauftragte für Korrepetition und Cembalo Nebenfach am Institut für Alte Musik in Weimar und seit 2015 als Cembalo-Korrepetitorin und -Lehrerin an der Musikschule in Erfurt tätig. Sie spielt seit März 2016 das bundfreie Clavichord nach Hubert. Ihre Arbeit wird sie im Rahmen der kommenden Clavichordtage in Probsteierhagen präsentieren.
Haben Sie Interesse am Stipendien-Programm? Weiterführende Informationen und Kontaktmöglichkeiten finden Sie auf der Seite mit unserem Vereinsprofil.