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Vorschau

41. Clavichordtage der Deutschen Clavichord Societät
vom 15.–18. Oktober 2015 in der Villa Eugenia, Hechingen.

Clavichordtage Hechingen 2015 Vorschau

Veranstaltungsort

Villa Eugenia
Zollernstraße 10
72379 Hechingen
Website: www.villa-eugenia.de

Zum Programm der Clavichordtage

Die Villa Eugenia in Hechingen im Zollernalbkreis (Baden-Württemberg) war die letzte Residenz der Fürsten von Hohenzollern-Hechingen. Als frühklassizistischer Bau 1786/87 errichtet und 1833 im Stil des Spätklassizismus erweitert, steht das Gebäude heute für kulturelle Veranstaltungen zur Verfügung, wie sie bereits in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts unter Konstantin, dem letzten Fürsten von Hohenzollern-Hechingen, den Mittelpunkt eines kulturell orientierten Hoflebens bildete: Franz Liszt und Hector Berlioz gaben sich hier die Ehre, und nun wird sie im Oktober den Clavichordtagen der DCS einen festlichen Rahmen bieten.

Anders als bei vielen vorangegangenen Clavichordwochenenden stehen die Tage vom 15.–18. Oktober unter keinem spezifischen Motto, allerdings wird es zwei musikalische Schwerpunkte geben, die uns von Alfred Gross und Miklós Spányi in jeweils zwei Konzerten vorgestellt werden.

Dort ist zunächst die Musik der Regionen Süddeutschland und Schweiz im 16. und frühen 17. Jahrhundert, die durch eine Vielzahl sogenannter „Tabulaturbücher“ überliefert wurde. Beginnend mit den Sammlungen aus St. Gallen und Basel aus dem zweiten Jahrzehnt des 16. Jahrhunderts endete die Tradition mit der beginnenden Barockzeit erst kurz nach 1600.

Ein Jahrhundert lang blühte dort die Tastenmusik in einer ganz besonderen Art. Vokale Vorlagen wie Messsätze, Motetten, Tenorlieder und Chansons wurden von den Tastenspielern auf ihr Instrument übertragen und mit instrumentalen Elementen wie Umspielungen, Läufen und vielfältigen Verzierungen angereichert. Paul Hofhaimer, der virtuose Hoforganist des musikliebenden Kaisers Maximilian I., stand dabei mit am Anfang der Entwicklung und war als stilbildender Lehrer einer Vielzahl namhafter Schüler gleichzeitig die zentrale Figur. Waren Clavichord, Cembalo und Orgel fester Bestandteil der höfischen Kultur, so übertrug sich die Begeisterung für das Tastenspiel auch auf das humanistisch orientierte Bürgertum und die Geistlichkeit.

Neben den Bearbeitungen vokaler Sätze tauchen hie und da eigenständige Instrumentalsätze wie Fantasie und Praeambulum auf. Ganz aus dem Geist des Tastenspiels empfunden sind auch Sätze über bekannte Tenores (Melodiemodelle in der Mittelstimme) wie Fortuna desperata, La Spagna oder der von Hofhaimer vollendet umgesetzte Tandernaken-Tenor.

In zwei Konzerten bildet Alfred Gross das Panorama dieses Jahrhunderts der Tastenmusik in der Renaissance ab. Vielfältige Formen werden hörbar, und es wird den unterschiedlichsten Stilebenen der historischen Bearbeiter nachgespürt. Fälschlicherweise werden die Tabulaturbücher seit dem vergangenen Jahrhundert als Orgeltabulaturen bezeichnet. Diese Verengung hat den Zugang einigermaßen erschwert. Der Bestand an geeigneten Instrumenten oder gar an erhaltenen Renaissanceorgeln ist spärlich. Spätere (Barock)orgeln halten nicht unbedingt die geforderte Klanglichkeit bereit. Zudem sind weite Teile des Repertoires dezidiert der nichtgeistlichen Sphäre zuzuordnen. So bietet sich das Spiel auf Clavichord (Amerbach hat es in seiner Tabulatur vorangestellt) und Cembalo an. Dass es sich dabei um Nachbauten von Originalen in mitteltöniger Stimmung handeln muss, leuchtet ein.

Als Hommage an den in Hechingen wirkenden Hofkapellmeister Leonhard Lechner hat Alfred Gross eine Reihe von dessen Canzonen ganz im Stil der Renaissancemusiker intavoliert und stellt sie neben Tastenmusik des ebenfalls in Hechingen tätigen Jakob Hassler.

Den zweiten Schwerpunkt bilden die beiden Konzerte, in denen uns Miklós Spányi – dessen Namen wohl jeder mit der intensiven Beschäftigung mit der Musik Carl Philipp Emanuel Bachs und der epochalen Gesamteinspielung seiner Claviermusik verbindet – mit den heute nahezu vergessenen Zeitgenossen des berühmten Bach-Sohnes auf dem Weg zur Romantik bekannt machen möchte. So wurde beispielsweise Johann Gottfried Eckard nach seiner Übersiedlung nach Paris ein in höchstem Maße und weit über die Grenzen Frankreichs hinaus bekannter und anerkannter Clavierspieler mit intensiven Verbindungen in andere musikalischen Metropolen (z. B. zur Familie Mozart und zu Charles Burney). Friedrich Wilhelm Rust erstaunte seine Zeitgenossen durch abenteuerliche Spielanweisungen bzw. deren klangliche Resultate, beispielsweise die Imitation weit entfernter Trommelwirbel, die es – wie zwei Jahrhunderte später bei John Cage – erforderlich machten, dass der Spieler im Instrument selbst „Manipulationen“ kurioser Art vornimmt, z. B. durch Zupfen der Saiten oder ein Tremolo auf dem gedämpften Bereich der Bass-Saiten. Andere heute erst zögerlich wiederentdeckte Komponisten dieser Epoche sind Johann Friedrich und Carl Friedrich Christian Fasch, Johann Nikolaus Forkel, Gottlieb Friedrich Müller und Wilhelm Christoph Bernhard.

Thomas Leininger führt diese musikalische Reise fort und macht uns im Abschlusskonzert der Clavichordtage bekannt mit dem jungen Wolfgang Amadeus Mozart und dem musikalischen Umfeld seiner Jugend, so zum Beispiel mit dem „Londoner“ Bach (Johann Christian) und dem Salzburger Domorganisten Anton Cajetan Adlgasser, als dessen Nachfolger Wolfgang Amadeus für die Dauer von zwei Jahren dieses Amt übernahm. Der Vater Leopold Mozart selbst überliefert die erste Begegnung des noch nicht fünfjährigen Sohnes mit der Musik von Georg Christoph Wagenseil, der zu diesem Zeitpunkt im Alter von 44 Jahren bereits eine Berühmtheit des musikalischen Lebens in Wien ist und am Hof die Position eines Hofkomponisten innehat und dort unter anderem für die Ausbildung des kaiserlichen Nachwuchses verantwortlich ist. Als die Familie Mozart im darauffolgenden Jahr 1762 in Schloss Schönbrunn konzertiert, verlangt das sechsjährige Wunderkind nach Wagenseil. Dieser wird herbeigerufen, und Mozart fordert ihn auf „Ich spiele ein Conzert von Ihnen, Sie müssen mir umwenden.“

Diez Eichler komplettiert das musikalische Programm der Clavichordtage mit seinem Vortrag mit Musikbeispielen „Ut-Re-Mi-Fa-Sol-La – tota musica oder todte Musica?“. Der barocke Musikschriftsteller Johann Mattheson wetterte zeitlebens gegen die (zu seiner Zeit noch immer als Grundlage der Musikerziehung gelehrte) Solmisationslehre, die schon längst die musikalische Realität nicht mehr abbilden könne. Wenn aber die „Barockmusiker“ (z. B. auch J. S. Bach!) dieses System wie eine Muttersprache gelernt haben, so können wir heute wohl nicht daran vorbeigehen, wenn wir „Barockmusik“ adäquat verstehen wollen. Der Vortrag gibt eine verständliche Einführung in die Hexachordlehre und das modale Denken des 17. Jahrhunderts als Grundlage des Musikverständnisses der Zeit und wird hier mehr aus der Sicht des praktischen Musikers betrachtet, als aus der Sicht des reinen Musikwissenschaftlers.

Wie bei allen Clavichordtagen werden uns natürlich die ausgestellten Clavichorde musikalisch und instrumentenbautechnisch in einem eigenen Programmpunkt vorgestellt, und Martin Kather bietet wieder seinen Kurs „Stimmung und Pflege von Clavichorden“ an.

Am Freitagvormittag besteht die Möglichkeit (in „Eigenregie“) die Hohenzollernburg zu besichtigen.

Am Samstagvormittag bieten wir eine kleine Exkursion zur Klosterkirche St. Luzen in Hechingen an (etwa 2 km von der Villa Eugenia und wenige Meter vom Bahnhof Hechingen entfernt). Die 1589 fertiggestellte Kirche, deren Grundriss und Teile der Außenmauern noch auf die gotische Vorgängerkirche aus dem frühen 14. Jahrhundert zurückgehen, bietet heute im Inneren eine farbenprächtige und in dieser Geschlossenheit nahezu einmalige Ausstattung im Stil der Renaissance, während das Äußere vergleichsweise sehr schlicht erscheint. Die erste Orgel wurde 1589 von dem Orgelbauer Conrad Beckh aus Erfurt erbaut. 1713 wurde das Instrument durch ein neues Werk von Urban Reitter (Hayingen) ersetzt und auf die neu errichtete Empore versetzt. Die Orgel wurde zuletzt 1975 restauriert und ist heute ein Schleifladen-Instrument mit mechanischer Traktur, mit 9 Registern (ein Manual und Pedal), steht in mitteltöniger Stimmung und stellt ein kleines, aber ideales Instrument für süddeutsche und österreichische Barockmusik dar.


Ablaufplan

Donnerstag, 15. Oktober 2015

18:00 Uhr | Eröffnungskonzert mit Alfred Gross (Renaissanceclavichord und Renaissancecembalo): „Tastenmusik aus Schweizer Tabulaturen“.

  • Tabulatur des Bonifacius Amerbach (1495–1562), Basel 1513–1532:
    Kompositionen von Jacques Barbireau, Paul Hofhaimer, Hans Kotter und Johann Weck
  • Tabulatur des Fridolin Sicher (1490–1546), St. Gallen, um 1512–1521:
    Kompositionen von Heinrich Isaac, Paul Hofhaimer und Matthäus Pipelare
  • Tabulatur des Clemens Hör, Zürich/St. Gallen um 1535–1540:
    Kompositionen von Paul Hofhaimer, Josquin Desprez und Claudin de Sermisy

Freitag, 16. Oktober 2015

Vormittags | Möglichkeit zur Besichtigung des Hohenzollernschlosses

14:00 Uhr | Konzert mit Miklós Spányi: „Empfindsamkeit und Frühromantik I“ mit Werken von Johann Gottfried Eckard, Friedrich Wilhelm Rust, Johann Friedrich Fasch, Carl Friedrich Christian Fasch, Johann Nikolaus Forkel, Gottlieb Friedrich Müller und Wilhelm Christoph Bernhard.

16:00 Uhr | Mitgliederversammlung der DCS.

18:00 Uhr | Konzert mit Alfred Gross (Renaissanceclavichord und Renaissancecembalo): „Tastenmusik aus Deutschen Tabulaturen“.

  • Tabulatur des Leonhard Kleber (um 1495–1556), Pforzheim 1520–1524:
    Kompositionen von Heinrich Isaac, Paul Hofhaimer, Hans Buchner und Leonhard Kleber
  • Tabulaturen des Elias Nicolaus Ammerbach (1530–1597), Leipzig 1571 und Nürnberg 1583:
    Kompositionen von Ivo de Vento
  • Tabulatur des Jakob Paix (1556–ca. 1623?), Lauingen 1583:
    Kompositionen von Ivo de Vento und Orlando di Lasso
  • Tabulatur des Bernhard Schmid d. J. (1567–1625), Strassburg 1607:
    Kompositionen von Cipriano de Rore
  • „Hechinger“ Clavierbuch, Hechingen 2015:
    Kompositionen von Leonhard Lechner und Jakob Hassler

Samstag, 17. Oktober 2015

11:00 Uhr bis ca. 12:30 Uhr | Exkursion zur Klosterkirche St. Luzen mit Orgelführung und kleinem Konzert.

14:00 Uhr | Diez Eichler, Vortrag mit Musikbeispielen: „Ut-Re-Mi-Fa-Sol-La – tota musica, oder todte Musica?“

15:30 Uhr | Vorführung der ausgestellten Clavichorde

18:00 Uhr | Konzert mit Miklós Spányi: „Empfindsamkeit und Frühromantik II“ mit Werken von Johann Gottfried Eckard, Friedrich Wilhelm Rust, Johann Friedrich Fasch, Carl Friedrich Christian Fasch, Johann Nikolaus Forkel, Gottlieb Friedrich Müller und Wilhelm Christoph Bernhard.

Sonntag, 18. Oktober 2015

09:00 Uhr | Kurs mit Martin Kather: „Stimmung und Pflege von Clavichorden“ – Anmeldung erforderlich!

11:00 Uhr | Abschlusskonzert mit Thomas Leininger: „Der junge Mozart“ mit Werken von J. C. Bach, C. Wagenseil, A. C. Adlgasser und W. A. Mozart.

Anmeldung und Kartenbestellung

Ein elektroisches Anmeldeformular wird rechtzeitig vor den Clavichordtagen an dieser Stelle zur Verfügung gestellt.

Bild am Seitenkopf: Villa Eugenia, © Christoph Schanze.

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