Header

Clavichordtage

Rückblicke

Mitglieder- und Presseberichte zu den Clavichordtagen der DCS

45. Clavichordtage der Deutschen Clavichord Societät

vom 27.–29. September 2019 in Stade.


Clavichordtage Vorschau, Stade

Links: Kirche St. Wilhadi, rechts: Kirche St. Cosmae et Damiani in Stade.

Vom 27. bis 29. September 2019 fanden in Stade die 45. Clavichordtage statt, deren Schwerpunkt auf den Instrumenten Clavichord und Orgel zu liegen kam, vertreten durch den bedeutenden Arp Schnitger (1648–1719), der als Vetter und Geselle von Berendt Hus (um 1630–1676) maßgeblich am Bau der Orgel in der Kirche Ss. Cosmae et Damiani beteiligt war, und auf Vincent Lübeck (1654–1740), der ebendort 1674 sein Organistenamt antrat. In Stade erwarb dieser eine hohe Reputation als Organist, Komponist und Lehrer, weshalb er 1702 an die Nikolaikirche nach Hamburg berufen wurde; dort stand ihm dann Schnitgers größte je gebaute Orgel zur Verfügung. Die beiden freundeten sich an, beruflich arbeiteten sie über die Zeit in Stade hinaus miteinander zusammen.

1668 mit dem Bau der Orgel beauftragt, trägt das Oberwerk in Ss. Cosmae et Damiani mit seinen Springladen die Handschrift von Berendt Hus aus Glückstadt; Rückpositiv (1670 beauftragt), Pedalwerk (1671) und Brustwerk (1672) mit ihren Schleifladen sind von Arp Schnitger geprägt – 1675 war die Orgel fertiggestellt. Im Laufe der Clavichordtage hatten wir darüberhinaus auch die Möglichkeit, wenige hundert Meter entfernt in der Kirche St. Wilhadi das dort beheimatete historische Orgelinstrument zu hören, nach einem Brand des Jahres 1724 von Erasmus Bielfeldt (1682–1753) neu erbaut und 1736 vollendet.

Mit Konzerten, Vorträgen, Workshops in St. Cosmae und St. Wilhadi gestaltet sich das Programm stichwortartig wie folgt:

St. Cosmae | Freitag, 27.09.2019

  • 19:30 Uhr | Eröffnungskonzert mit Studenten der Hochschule für Musik und Theater, Hamburg, unter der Leitung von Martin Böcker und Menno van Delft – „Vincent Lübeck - Werke für Orgel, Cembalo und Clavichord“
    Zu Gehör kamen ein Praeludium in d-moll, auf der Orgel gespielt von Jihyun Kim zu Beginn, und eines in g-moll zum Beschluss; dazwischen folgten auf einem Cembalo nach Michael Mietke die Suite in g-moll der Clavier-Übung, Hamburg 1728, (mit Elena Khurgina), eine Chaconne in A-Dur (durch Olga Persits) und – auf einem Clavichord nach Johann Christoph Fleischer, Hamburg 1729 – Praeludium und Fuge in a-moll aus der Clavier-Übung (vorgetragen von Esther Yae Ji Kim) sowie eine Suite in a-moll und eine Chaconne in d-moll (beide durch Menno van Delft, da die für erstere vorgesehene Studentin, Orsolya Papp, einer Erkrankung wegen verhindert war).

St. Cosmae | Sonnabend, 28.09.2019

  • 10:00 Uhr | Friederike Böcher M.A. (Bad Köstritz) – „Heinrich Schütz und das Pedalclavichord“
    Ein engagierter, von Witz und Wissen geprägter Vortrag, versehen nicht zuletzt mit dem Hinweis, dass, wiewohl im zeitgenössischen Umfeld auch als Organist von Rang anerkannt, von Heinrich Schütz keinerlei Tastenmusikwerke auf uns gekommen sind.
  • 11:30–12:15 Uhr | Edoardo Bellotti (Bremen) – Matineekonzert auf dem Pedalclavichord des Heinrich-Schütz-Hauses
    Das Instrument wurde gebaut von Volker Platte (Manualinstrument) und Andreas Hermert (Pedal); zu Gehör kamen ein Ricercare von L. Luzzaschi (?), G. Frescobaldis „Toccata sopra Vestiva i colli“ sowie Werke von J. C. Kerll (Passacaglia d-moll), D. Buxtehude (Praeludium D-Dur), B. Pasquini (Partite sopra la Folia) und zuletzt einer Improvisation über das J. S. Bach zugeschriebene Pedalexercitium in g-moll.
  • 14:30–16:30 Uhr | Workshop „Pedalclavichord” mit Edoardo Bellotti
    Eine sehr gut besuchte Veranstaltung, mit wertvollen Aussagen, etwa der, dass bei geringer Saitenspannung (wie auf dem hier zur Verfügung stehenden Instrument) wirksame Bebungen hervorzubringen nicht möglich (!) oder (unter dem Stichwort „Improvisation“) der, dass das wichtigste Element einer Kadenz die darin untergebrachte Dissonanz sei ...
  • 17:00–18:00 Uhr | Vorführung der ausgestellten Instrumente
    Die ausgestellten Instrumente deckten einen Zeitraum von etwa 1440 bis 1775 ab und waren von Dietrich Hein, Andreas Hermert, Martin Kather, Volker Platte, Pierre Verbeek und Burkhard Zander gebaut worden.
  • 21:30 Uhr | Nachtkonzert bei Kerzenschein mit Annegret Schönbeck (Gesang) und Martin Böcker (Clavichord)
    In einem beeindruckenden, das Publikum erkennbar tief bewegenden Konzert erklangen Werke ausschließlich von Johann Sebastian Bach; zu hören waren: Schaffs mit mir, Gott BWV 514 – Präludium in c-moll der Suite BWV 1011 für Violoncello solo, für Clavier eingerichtet von J. S. Bach und G. Leonhardt – Aria: Bist du bei mir BWV 508 – Gavotte in c-moll der Suite BWV 101 – Dir, dir, Jehova BWV 299 – Burlesca in a-moll aus der Partita BWV 827 – Wie wohl ist mir, o Freund der Seelen BWV 517 – Scherzo in a-moll aus der Partita BWV 827 – Warum betrübst du dich BWV 516 – Sarabande in c-moll der Suite BWV 1011 – Aria: Schlummert ein BWV 82.

St. Wilhadi | Sonnabend, 28.09.2019

  • 20:00 Uhr | Orgelkonzert mit Hauke Ramm (Stade) zum Thema “Schnitger-Organisten”
    Der Künstler spielte an der Erasmus-Bielfeldt-Orgel (1736) folgende Werke Dietrich Buxtehudes (1637–1707): Präludium g-moll BuxWV 149 – Choralbearbeitung über Vater unser im Himmelreich BuxWV 219 – Aria con variazioni C-Dur BuxWV 246 – Choralbearbeitungen über Nun lob mein Seel den Herren BuxWV 213 – Passacaglia d-moll BuxWV 161; hieran an schloss sich von Nikolaus Bruhns (1665–1697): Präludium e-moll.

St. Cosmae | Sonntag, 29.09.2019

  • Sonntag, 9:15–11:15 Uhr | Workshop „Stimmen und Pflege von Clavichorden“ mit Martin Kather
  • 11:30–12:30 Uhr | Martin Böcker – Vortrag „Arp Schnitger und sein Werk“ mit Annegret Schönbeck an der Orgel
    Das Spiel der Künstlerin schloss auch Kompositionen von Georg Böhm (1661–1733) und Johann Adam Reinken (1643–1722) ein.
  • 15:00 Uhr | Abschlusskonzert mit Alina Ratkowska (Warschau) am Clavichord
    Das Konzert begann mit Matthias Weckmann (1616–1674): Toccata in d und Johann Jacob Froberger (1616–1667): Meditation faist sur ma Mort future la quelle se joue lentement avec discretion und fuhr fort mit Johann Sebastian Bach (1685–1750): Chaconne BWV 1004 in der Bearbeitung für Klavier von Johannes Brahms (1833–1897). In einem zweiten Teil folgten von Johann Gottlieb Goldberg (1727–1756): Polonaise Nr. 23 F-Dur und Nr. 24 d-moll, Polonaise Nr. 21 B-Dur und Nr. 22 g-moll, Polonaise Nr. 19 Es-Dur und Nr. 20 c-moll und von Wilhelm Friedemann Bach (1710–1784): Polonaise Nr. 2 c-moll und Nr. 5 Es-Dur; den Beschluss bildete, wiederum von Johann Gottlieb Goldberg, ein Menuetto con Variationi D-Dur.

Clavichordtage Übersicht

Die Aufnahmen der Kirchen zu Beginn des Rückblicks stammen von Mechthild von Schlichting-Sold.

Zurück zum Seitenanfang



44. Clavichordtage der Deutschen Clavichord Societät

vom 02.–04. November 2018 in Göttingen.


Accouchierhaus

In Kooperation mit dem Musikwissenschaftlichen Seminar der Georg-August-Universität und seinem Leiter, Prof. Dr. Andreas Waczkat, fanden vom 2. bis 4. November 2018 in Göttingen die 44. Clavichordtage statt, deren Programm unter dem Motto „Deutsche Clavichord Societät | 25 Jahre“ stand; schwerpunktmäßig befassten sich diese mit den Themen

  • Friedrich Wilhelm Marpurg (1718–1795) | 300 Jahre
  • Johann Nikolaus Forkel (1749–1818) | 200 Jahre

Aus dem Coburgischen stammend, hatte Johann Nikolaus Forkel 1769 an der Georgia Augusta ein Jurastudium begonnen; 1770 übernahm er das Amt des Universitätsorganisten; 1779 wurde er mit den Aufgaben eines Universitätsmusikdirektors betraut, insbesondere verantwortlich für die wöchentlichen „Winter-Concerte“, die er bis 1815 leitet. Privat hält er Vorlesungen, so über die „Theorie und Geschichte der Musik“; in zahlreichen Veröffentlichungen meldet er sich zu Wort. 1787 ehrt man ihn mit dem Grad eines Doctor honoris causa, für eine eigentliche Professur ist die Zeit jedoch noch nicht reif. Und als es zwei Jahre später darum geht, die Nachfolge Carl Philipp Emanuel Bachs in Hamburg anzutreten, wird ihm ein anderer vorgezogen.


Forkel Wohnhaus

Damit endgültig in Göttingen verblieben, wo er 1783 Haus Nr. 919 (heute: Goethe-Allee 9) erworben hat, erscheint 1788 der erste, 1801 der zweite einer auf drei Bände angelegten „Allgemeinen Geschichte der Musik“; an die Stelle des ursprünglich geplanten dritten Teils tritt dann 1802 sein Buch „Ueber Johann Sebastian Bachs Leben, Kunst und Kunstwerke“ mit dem Zusatz „Für patriotische Verehrer echter musikalischer Kunst“.

Darin berichtet Forkel, der sowohl mit Wilhelm Friedemann als auch mit Carl Philipp Emanuel Bach in Verbindung stand:

„Am liebsten spielte er auf dem Clavichord. Die sogenannten Flügel, obgleich auch auf ihnen ein gar verschiedener Vortrag statt findet, waren ihm doch zu seelenlos, und die Pianoforte waren bey seinem Leben noch zu sehr in ihrer ersten Entstehung, und noch viel zu plump, als daß sie ihm hätten Genüge thun können. Er hielt daher das Clavichord für das beste Instrument zum Studiren, so wie überhaupt zur musikalischen Privatunterhaltung. Er fand es zum Vortrag seiner feinsten Gedanken am bequemsten, und glaubte nicht, daß auf irgend einem Flügel oder Pianoforte eine solche Mannigfaltigkeit in den Schattirungen des Tons hervor gebracht werden könne, als auf diesem zwar Ton-armen, aber im Kleinen außerordentlich biegsamen Instrument.“

Ob wirklich zutreffend oder nicht (da durch die Brille des Nachgeborenen gesehen, unterworfen womöglich Einflüssen wie Sturm und Drang, Empfindsamkeit und Aufklärung) – eine bemerkenswerte Aussage!


Kraemer 1803

Bemerkenswert aber auch, dass von 1793 an in unmittelbarer Nachbarschaft Forkels unter der Nr. 917 (heute Goethe-Allee 11) die Familie des Instrumentenbauers Johann Paul Krämer und seiner Söhne zu finden war, mit der er engen Umgang pflegte und von der wir an den genannten Tagen dankenswerterweise zwei originale Clavichorde (eines datiert auf 1803 und eines eher etwas später) zur Verfügung hatten!


Kraemer undatiert

Friedrich Wilhelm Marpurg verdiente besondere Beachtung insofern, als sein „Versuch figurierter Choräle sowohl für die Orgel, als für das Clavichord“, undatiert gegen Ende des 18.Jahrhunderts in Amsterdam und Berlin im Druck erschienen, in einem „Nachbericht“ Anweisungen enthält, wie auch jene Sätze, die pedaliter auf drei Systemen notiert sind, rein manualiter ausgeführt werden können. Dem ersten folgte gleichen Ortes ein „Zweyter Versuch …“, der neben Chorälen auch ein Capriccio sowie sieben Fugen enthält. Ergänzend angemerkt sei, dass Marpurgs „Abhandlung von der Fuge“, die 1753/54 in zwei Bänden in Berlin erschien, als erste zusammenfassende Darstellung dieses Gegenstandes gilt; unmittelbar zuvor, 1752, hatte er die 2. Auflage von Johann Sebastian Bachs „Kunst der Fuge“ mit einem aufschlußreichen „Vorbericht“ versehen.

Das 25jährige Bestehen der Deutschen Clavichord Societät nahmen wir zum Anlass, im Sinne einer (nunmehr zweiten) Jubiläumsedition beide „Versuche“ Marpurgs in moderner Notation herauszugeben.

Konzert- und Vortragsfolge

Freitag, 02. November 2018

18:00 Uhr

  • Eröffnung im Accouchierhaus der Universität mit Einführung in das Programm (durch G. Sold) und (durch M. Lubenow) Vorstellung der Jubiläumsedition von Friedrich Wilhelm Marpurgs „figurirten Chorälen und Fugen so wohl für die Orgel, als für das Clavichord“

19:30 Uhr

  • Konzert im Holbornschen Haus mit Charlotte Marck/Nizza (Cembalo und Clavichord)
    Friedrich Wilhelm Marpurg, Privatsekretär im Paris J. Ph. Rameaus, „critischer Musicus“ im königlichen Berlin

Samstag, 03. November 2018

10:00 Uhr

  • Dietrich Kollmannsperger/Tangermünde
    Clavichordmusik von Tielman Susato bis zu Johann Sebastian Bach

11:30 Uhr

  • Prof. Dr. Andreas Waczkat/Göttingen:
    Dr. h.c. Johann Nikolaus Forkel – Akademischer Musikdirektor in Göttingen und Biograph Johann Sebastian Bachs (Vortrag)

16:00 Uhr

  • Bernhard Klapprott/Weimar
    Suiten Joh. Seb. Bachs „von großem Kunstwerth, … für einen vornehmen Engländer gemacht“ (J. N. Forkel)

17:30 Uhr

  • Vorführung der ausgestellten Instrumente

19:45 Uhr

  • Dalyn Cook/Den Haag und Gerrit Zitterbart/Göttingen im Clavier-Salon
    Auf den Spuren von Johann Nikolaus Forkels Akademischen Concerten (Clavichord und Fortepiano)

Sonntag, 04. November 2018

10:00 Uhr

  • Besuch der Instrumentensammlung im Accouchierhaus

11:30 Uhr

  • Matinéekonzert mit Sally Fortino/Basel und Ina Siedlaczek/Paderborn
    Die Göttinger Connection – Musiker im Kontakt mit der Leinestadt (Clavichordspiel allein und mit Gesang)

Weitere Programmpunkte waren:

Samstag, 03. November 2018

  • 9:30–17:30 Uhr: Clavichordausstellung
  • 9:30–12:30 Uhr: Interpretationskurs „Clavichord“ (Charlotte Marck)
  • 14:00–16:00 Uhr: Mitgliederversammlung der Deutschen Clavichord Societät (mit Neuwahl des Vorstands). Änderungen ergaben sich hierbei insofern, als Hans-Eugen Ekert nicht wieder für das Amt des 2. Vorsitzenden kandidiert hat; an seiner Statt wurde von den Anwesenden Martin Kather gewählt; die Funktion der Rechnungsprüfer haben Prof. Heiko Hansjosten (neu gewählt) und Michael Zapf (wie bislang) inne.

Sonntag, 04. November 2018

  • 9:00–10:30 Uhr: Stimmung und Pflege von Clavichorden (Martin Kather)


Holbornsches Haus

Das Foto ganz oben zeigt ehemalige Accouchierhaus, heute Sitz des Musikwissenschaftlichen Seminars der Universität. Es folgen ein Foto des Wohnhauses von Johann Nikolaus Forkel, Goethe-Allee 9 (in Rot), Ausschnittaufnahmen der beiden Krämerschen Clavichorde und – ganz unten – ein Foto des Holbornschen Hauses, in dem die Instrumentenausstellung zu sehen war und die Konzerte des Jubiläumswochenendes stattfanden (© jeweils Mechthild von Schlichting-Sold).

Zurück zum Seitenanfang



43. Clavichordtage der Deutschen Clavichord Societät

vom 25.–28. Mai 2017 in der St. Katharinen Probsteierhagen (nahe Kiel).


Ein Rückblick von Gregor Bergmann und Guido Sold

Probsteierhagen, ungefähr zehn Kilometer von Kiel entfernt, beherbergte im Mai 2017 für ein verlängertes Wochenende die Deutsche Clavichord Societät im Rahmen spannender, von Mitgliedern und Gästen in erfreulich hoher Zahl wahrgenommener Clavichordtage, über die hier nur ein sehr kurzes Resümee gegeben werden kann.

Das Treffen begann am Donnerstagabend mit einem Konzert unseres Gastgebers, Roman Mario Reichel, an der historischen Orgel in St. Katharinen und am Clavichord, das Werken des ersten „Jubilars“ dieser Tage, Franz Tunder (1614–1667), und seinen Zeitgenossen zugedacht war. Roman begann auf der großen Orgel mit dem Praeludium in F, bemerkenswerterweise gefolgt von einer von Johannes Woltz (1617) inspirierten, eigenen Intavolation von Tunders Sinfonia à 7 viole, gesetzt für ein Muttedt, von Werken Heinrich Scheidemanns (Auff zwei Clavier manualiter), Johann Nicolaus Hanffs und Peter Gerittz‘. Eine Fuga in G von Dietrich Buxtehude, auf einer Truhenorgel gespielt, bildete dann den Übergang zu Werken, die auf dem Clavichord erklangen – unterbrochen von einer „Weinpause“ in der im Seitenschiff untergebrachten, zweigeschossigen Winterkirche. Hervorzuheben waren nun neben Werken Tunders Heinrich Scheidemanns Motettenintavolation Benedicam Dominum und, ganz zuletzt, die Choralfantasie Ein feste Burg ist unser Gott von Michael Praetorius; schön, dass in diesem zweiten Teil die Sinfonia à 7, jetzt auf dem Clavichord, noch einmal erklang.

Am Freitag folgten zunächst die Mitgliederversammlung und (am frühen Nachmittag) ein Vortrag von Prof. Harald Vogel, welcher dem „Helmstedter Clavierbuch“ der Herzog-August-Bibliothek Wolfenbüttel galt, einem anonym überlieferten Tabulaturmanuskript. Das Besondere bei ihm ist, dass die darin enthaltenen Präludien, Choralbearbeitungen, Liedsätze und Tänze weitestgehend vollständige Fingersätze enthalten – nach Harald Vogel handelt es sich damit um „die umfangreichste Quelle für die norddeutsche Spielweise in der Mitte des 17. Jahrhunderts“. Für uns Zuhörer, denen er Kopien einiger der in Tabulaturschrift notierten Sätze an die Hand gab, war beeindruckend, mit ihm als Mentor die Stücke zu lesen – ein Vorgehen, das, wie wir erfuhren, seinerzeit der erste Schritt auf dem Weg war, sich beispielsweise eine Tokkata anzueigen (gefolgt vom Memorieren und dann, tunlichst, vom Auswendigspielen!).

Im anschließenden Konzert für Neugierige, Kenner und Liebhaber der Stipendiatin Ying-Li Lo ging es um eine spätere Zeit: um Johann Sebastian und Carl Philipp Emanuel Bach sowie Joseph Haydn; den Abschluss bildete J. S. Bachs Concerto a due Cembali senza ripieno C-Dur, das sie zusammen mit ihrem Lehrer, Prof. Bernhard Klapprott in Weimar, an einem zweiten Clavichord spielte. Nach einem gemeinsamen Abendessen in einem Ort näher der Küste brillierte dann – wiederum in St. Katharinen – Sigrun Stephan in einem „Nachtkonzert“. Als Thema hatte sie „Verbindungen“ gewählt; dabei schlug sie einen Bogen von Johann Sebastian Bach über Johann Pachelbel, Alessandro Scarlatti, Johann Gottfried Müthel und Wilhelm Friedemann Bach zu Dietrich Ewald Grotthuß, der seinerzeit Carl Philipp Emanuels Silbermannisches Clavichord übernehmen durfte und sich dafür mit dem Werk Freude über den Empfang des Silbermannschen Claviers bedankte.

Ein schöner, stimmungsvoller Abend! Es sei daher erlaubt, an dieser Stelle einige persönliche Worte Gregor Bergmanns einzuschieben:

Manchmal sitzt man in Konzerten und erlebt, wie es dem Musiker scheinbar mühelos gelingt, dem Publikum seine Vorstellung von der Musik unmittelbar verständlich zu machen. Die dazu notwendigen Dialoge zwischen Musiker, Musik, Instrument, Raum und Publikum nimmt man als Zuhörer eigentlich nicht wahr, sondern genießt die wohltuende Wirkung dieser Mixtur. Selten wird dabei der Dialog zwischen dem Musiker und dem Instrument so deutlich wahrnehmbar, dass die Musik zeitweise in den Hintergrund zu treten scheint. Es ist, als sprächen mehrere Grüppchen auf einer Bühne und einer der Dialoge löst sich aus dem Zusammenklang und nimmt einen gefangen. So ging es mir bei dem sehr stimmungsvollen und schönen Nachtkonzert von Sigrun Stephan in Probsteierhagen. Ich habe sie schon öfter auf den DCS-Tagungen gehört und hatte in etwa eine Vorstellung von dem Abend. Dieser entwickelte sich aber anders und, wie ich finde, sehr interessant. Sie spielte bisher auf ihrem Silbermann-Nachbau. So auch an diesem Abend, allerdings auf einem neuen Instrument von einem anderen Instrumentenbauer. Dieses forderte andere spielerische Qualitäten als das alte und sträubte sich gegen manche Gewohnheit. Eine Intimität wie mit dem alten Instrument war noch nicht zu spüren, aber sehr wohl, dass die neue Beziehung von einem anderen Temperament geprägt sein dürfte. So konnte man bereits ein großes Bedürfnis von beiden nach Dynamik und Flexibilität im Klang spüren und hören. – Mir hat es sehr viel Spaß gemacht, diesen Dialog so deutlich miterleben zu dürfen. Dazu trug sicherlich auch bei, dass mir die Stücke vertraut waren und sie in der gewohnt hohen Qualität von Frau Stephan dargeboten wurden.

Im Adeligen Kloster Preetz erwartete uns am Samstagvormittag eine „Führung der besonderen Art“: die Äbtissin persönlich führte uns, nicht ohne zu erläutern, welche Lebens- und Arbeitsbedingungen herrschten in einer zunehmend kleiner an Zahl werdenden Gemeinschaft; beeindruckend die Ruhe und die Souveränität, mit der sie der Entwicklung im allgemeinen und für sich selbst entgegensah. Anschließend demonstrierte Gabriele Schenkel, die Organistin der historischen Orgel ihr Instrument. Am Clavichord, aber auch an der Orgel trug Harald Vogel Werke von Dieterich Buxtehunde und Choralbearbeitungen des sog. Preetzer Clavierbuchs vor, das in Tabulaturnotation überliefert ist. 1795 trug es bei seiner Aufnahme in die Königliche Bibliothek Kopenhagen den Titel Christiane Charlotte Amalia Trolles Nodebog. Pretz 1702, zurückzuführen auf einen Eintrag in seinem Inneren; auf dem Ledereinband außen findet sich aufgeprägt vorne „C C T“, auf der Rückseite „1699“. Das Buch enthält zwei Präludien, etliche Tänze sowie deutsch- und dänischsprachige Choräle und macht damit die Beziehungen zu Skandinavien deutlich; Indizien könnten dafür sprechen, dass es eher für ein Clavichord als für ein anderes Tasteninstrument gedacht war.

Nach Probsteierhagen zurückgekehrt, wurden von Dalyn Cook / Niederlande und Daniel Nowak / Polen, beide Schüler Menno van Delfts, in der Winterkirche von St. Katharinen die ausgestellten Clavichorde vorgeführt. Als Instrumentenbauer vertreten waren Gregor Bergmann (mit dem Clavichord „Leipzig Nr. 30“ nach Chr. G. Friederici), Andreas Hermert (mit Instrumenten nach Sebastian Virdung, „Leipzig Nr. 10“ und „Berlin Nr. 2160“), Martin Kather (nach Michael Praetorius und ebenfalls „Leipzig Nr. 30“), Sander Ruys (nach Domenicus Pisaurensis und nach J.H. Silbermann 1775) sowie Pierre Verbeek (der Harald Vogel einen Nachbau nach Anders Wahlström, 1752, zur Verfügung gestellt hatte).

Menno van Delft rundete dann am Abend die Phase „Franz Tunder und seine Zeitgenossen“ ab mit einem Streifzug am Clavichord zu dem Stichwort „Jan Pieterszoon Sweelinck und seine deutschen Schüler“; neben Werken des „teutschen Organistenmachers“ selbst waren Sätze zu hören von Samuel Scheidt, Heinrich Scheidemann und Paul Siefert.

Orgel Probsteierhagen Orgel Preetz

Ansichten der historischen Orgeln in Probsteierhagen (1670/1715/1788, links) und im Adeligen Kloster Preetz (1573/ 1686, rechts). Fotos: Gabriele Schenkel

Der Sonntag, der in Schloss Hagen, von St. Katharinen keine 600 m entfernt, stattfand, begann für Interessierte mit dem Workshop „Stimmung und Pflege von Clavichorden“, den Martin Kather wie in der Vergangenheit häufig schon anbot; daneben konnte man einer Führung durch das Herrenhaus folgen. Den Abschluss der Clavichordtage bildete ein Konzert zum Thema „Georg Philipp Telemann – Musik der Hamburger Zeit“ in Erinnerung an seinen 250. Todestag. In der Vorstellung, Musik auf dem Clavichord mit Werken Telemanns für Blockflöte zu verbinden, hatten wir Ursula Schmidt-Laukamp eingeladen, die in Köln eine Professur hierfür sowie für Fachdidaktik innehat und auch auf der Traversflöte gastiert. Obschon angereist, musste sie wegen akuter gesundheitlicher Probleme kurzfristig, wenige Stunden vor dem geplanten Konzert absagen. Roman Mario Reichel, der als ihr Partner an diesem Sommermorgen vorgesehen war, meisterte jedoch souverän die ihm verbliebene Aufgabe, das Wochenende im Schloss alleine mit Werken Telemanns auf dem Clavichord abzuschließen. Wir sind ihm zu großem Dank verpflichtet!


Presseartikel Kieler Nachrichten

Bericht zu den Clavichordtagen in den Kieler Nachrichten vom 29.05.2017

Zurück zum Seitenanfang



42. Clavichordtage der Deutschen Clavichord Societät

vom 22.–25. September 2016 in der Welschnonnenkirche Trier.


Clavichordtage Hechingen 2016 Vorschau

Welschnonnenkirche Trier, © Berthold Werner | Quelle: Wikipedia (Public Domain)

PDF des Gesamtprogramms der 42. Clavichordtage der DCS (1,8 MB)
42_Clavtage_Gesamtprogramm.pdf

Die Konzerte der Clavichordtage in Trier
von Thomas Bregenzer

Die Clavichordtage im kalendarisch herbstlichen aber klimatisch sonnig-sommerlichen Trier liegen hinter uns – eine lange Reihe schöner Erinnerungen an grandiose Konzerte und wunderbare Instrumente, zum Klingen gebracht von Mathieu Dupouy, Diez Eichler, Anne Galowich, Josef Still und Veit-Jacob Walter. Bereits im Jahr 2013 waren wir, als Exkursion von Schweich aus, zu einem Orgelkonzert in der barocken Welschnonnenkirche mit ihrer historischen Stumm-Orgel von 1757 zu Gast, nun beherbergte sie uns für das lange Wochenende vom 22. – 25. September.

Mathieu Dupouy spielte gleich zwei Konzerte, zur Eröffnung und zum Abschluss, unter der Überschrift „Musik aus England“. Am Donnerstag erklangen Werke von Händel, Johann Christian Bach und Beethoven („Rule Britannia“-Variationen) auf einem Clavichord nach Friederici (gebaut von Martin Kather) und einem Clementi-Tafelklavier (1810) aus der Sammlung Hansjosten. Am Sonntag konnten wir eine Auswahl von – teilweise hochvirtuosen – Stücken aus dem Fitzwilliam Virginal Book hören, gespielt auf zwei „frühen“ Clavichorden (nach Leipzig Nr. 1 von Volker Platte und nach Praetorius von Matin Kather). Insbesondere nach diesem letzten Konzert fragte man sich, warum diese Musik sonst nur äußerst selten auf Clavichorden vorgestellt wird.

Der Freitag wurde zum DiezTag – Diez Eichler hatte gleich zwei umfangreiche Programme an diesem Tag, einen Vortrag „Vom Hexachord zum Modus – das musikalische Grundverständnis des 16. und 17. Jh.“ und ein Clavichordkonzert zum 400. Geburtstag von Johann Jacob Froberger, in dem er sich in vielfältiger und höchst ansprechender Weise der bei Froberger häufig anzutreffenden Vortragsbezeichnung „avec discrétion“ näherte, unterstützt durch reichhaltiges Quellenmaterial. Am Abend war Domorganist Josef Still mit einer Auswahl selten oder nie aufgeführer Barockmusik auf der Stumm-Orgel zu hören, bevor wir dann die Gelegenheit hatten, ihn zum Dom zu begleiten – zu einem weiteren Jubiläumskonzert mit Werken von Max Reger, höchst nuancenreich vorgetragen von „nahezu unhörbar“ bis zum donnernden Finale der berühmten Morgenstern-Fantasie. Aber selbst damit war der Tag noch nicht beendet, hatten wir doch nach dem Konzert die Möglichkeit, mit dem Organisten bei reichlich fließendem Freibier aus der – man möchte fast schreiben: Reger-Brauerei, es ist aber die – Gambrinus-Brauerei aus Weiden in der Oberpfalz anzustoßen. Der Besuch des Reger-Konzerts war allerdings die „Zugangsvoraussetzung“ zum Freibier, was für einige Clavichordisten eher den Gang durchs Fegefeuer darstellte, wodurch erst die himmlischen Freuden des Bierfasses zugänglich wurden.

Am Samstagnachmittag warf uns das Programm um fünf Jahrhunderte zurück – in ein Konzert, in dem Veit-Jacob Walter uns mit spätmittelalterlicher Musik aus Italien vertraut machte, meisterhaft gespielt auf einem spätmittelalterlichen Clavichord (Pierre Verbeek), einem Clavisymbalum und einer Organo Portativo (beide Instrumente von Gregor Bergmann). Zuvor, am Samstagvormittag, lud Heiko Hansjosten ein zur Führung durch seine (und die seines Bruders Ralf) Sammlung historischer Tasteninstrumente ins barocke Küsterhaus nach Föhren.

„Yin & Yang” war das Motto von Anne Galowichs Abendkonzert, in dem sie Musik aus dem Notenbüchlein für Anna Magdalena Bach (Früh-Fassung der Partita Nr. 3, aber auch kleinere Tanzsätze) mit Musik aus Frankreich und Norddeutschland bzw. den Niederlanden kontrastierte, stürmisch bewegt, mit größter Vehemenz gespielt auf zwei Specken-Kopien von Joris Potvlieghe. Anne durfte erst nach zwei Zugaben den tobenden, bis zum letzten Platz ausverkauften Saal verlassen.

Wie bei allen vorherigen Clavichordtagen hatten wir auch in diesem Jahr wieder eine Vielzahl von Instrumenten in der begleitenden Ausstellung, von der Rekonstruktion eines spätmittelalterlichen Clavichords bis hin zu einem Originalinstrument von ca. 1830/40 aus der Sammlung Hansjosten. Sigrun Stephan war es wieder einmal mit nur einem Minimum an Vorbereitungszeit (einfach, weil es eigentlich bis zum Festivalbeginn nicht ganz klar ist, welche Instrumente schließlich mitgebracht werden) gelungen, für alle Instrumente ein passendes Musikstück auszuwählen. Nachdem die Clavichordbauer ihre Instrumente vorgestellt hatten, wurden diese dann jeweils von Sigrun auf musikalische Weise meisterlich präsentiert.

Zurück zum Seitenanfang



Diese Website benutzt Cookies. Wenn Sie die Website weiter nutzen, gehen wir von Ihrem Einverständnis aus.