Rückblick
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Freitag, den 16. April 2010 · von Klaus Bergmann
Eröffnungskonzert „Johann Nikolaus Forkel und die Bach-Familie”
mit Sally Fortino
Gestärkt durch eine regionaltypische Bergische Kaffeetafel mit Waffeln, Milchreis, Zucker und Zimt sowie Sandkuchen auf (!) Schwarzbrot im Hotel „Berliner Hof” ging es zum ersten Konzert im Evangelischen Gemeindehaus.
Das Zuhörerinteresse war überwältigend: Mehr als 60 einheimische und auswärtige Besucher hörten Sally Fortino mit Kompositionen der Bach-Familie. Dass die Bachs hervorragende Musiker waren, überraschte nicht, wohl aber der Komponist Johann Nikolaus Forkel, den die meisten Zuhörer sicherlich bisher nur als Bach-Biographen kannten. Seine 24 Variationen auf „God save the King” wurden von den Zeitgenossen, wie ein nachträglicher Blick ins Musiklexikon belehrt, unterschiedlich beurteilt. Unter den Händen von Sally Fortino gerieten sie zu einem eindrucksvollen Musikstück – aber schwierig nachzuspielen, nicht nur wegen des hohen pianistischen Anspruchs, sondern auch, weil die Noten seit dem ersten Druck bei Breitkopf & Härtel 1791 nie wieder verlegt worden sind. Beendet wurde das Konzert mit einer Fuge über B-A-C-H – unwichtig, dass man nicht ganz genau weiß, wer aus der Bach-Familie sie komponiert hat.
Sally Fortinos makelloses Spiel wurde ergänzt durch Erläuterungen in ihrer zurückhaltenden und feinen Art. Ihr Instrument war ein von Suzana Mendes gebautes bundfreies Clavichord (nach Krämer, Göttingen, 1804).
Ein gelungener Auftakt!
Samstag, den 17. April 2010 · von Lothar Bemmann
Vortrag von Claus Köppel: „Probleme der Restaurierung von historischen Clavichorden am Beispiel eines Instruments von ca. 1790 aus der Werkstatt von Späth & Schmahl”
Am Samstag Vormittag hatte man die Wahl zwischen einem Workshop „Französische Cembalomusik” (Harald Hoeren), einem Stimmseminar für Cembalo (Ulrich van Aaken) und einem Vortrag „Probleme der Restaurierung von historischen Clavichorden am Beispiel eines Instruments von ca. 1790 aus der Werkstatt von Späth & Schmahl” (Claus Köppel). Der Vortragssaal des Deutschen Röntgen-Museums war dann auch der rechte Ort, diese Probleme zu durchleuchten.
Es geht hier um ein Clavichord, das der Vortragende im letzten Jahr aus der Sammlung Sperrhake erworben hatte und das in der Zwischenzeit von Andreas Hermert (Berlin) restauriert worden ist. Leider war es letzterem aus Termingründen nicht möglich, den Vortrag selbst zu präsentieren. Zunächst wurden die technischen Werte dieses gebundenen C–f3 Instruments genannt. Eine Signatur von 1899 dokumentiert eine(?) erste Reparatur, der 1975 eine zweite durch einen ehemaligen Mitarbeiter von Sperrhake folgte, die dem Instrument einen neuen Resonanzboden und andere Neuteile bescherte. Für eine detaillierte Beschreibung und der daraus resultierenden restauratorischen Arbeiten sei auf eine vorgesehene Publikation verwiesen, die die Korrektur der Stegposition, die Neubesaitung und andere Details beschreiben wird.
Interessant ist die Zuschreibung dieses Clavichords an die Werkstatt von Christoph Friedrich Schmahl (1739–1814) in Regensburg. Nach der Zuschreibung eines Instruments in Toronto durch Gregory Crowell (Clavichord International, 2007, S. 42–45) und eines Clavichords im Privatbesitz in Oldenburg durch Dietrich Hein (Clavichord International, 2008, S. 55–58) ist dies nun schon die dritte innerhalb kürzerer Zeit an dieses Mitglied der Instrumentenbauerfamilie Schmahl. Hier wurden selbstverständlich die Maße mit Instrumenten in Bad Krozingen, München, Regensburg und Salzburg verglichen. Durch Marin Marais haben wir schon von der siebten Saite gehört. Die gleiche Zahl begegnet uns auch bei der Anzahl der Ritzlinien auf den Hintertasten. Zweimal drei Linien markieren die Positionen für die Schlitze der Wagebalkenstifte, worauf Gregory Crowell hinwies. Die siebte Linie, auf die schon Dietrich Hein aufmerksam machte, ist die Begrenzungslinie für die fischblasenförmigen Auskehlungen der Hintertasten, die auch bei anderen Schmahl-Clavichorden zu finden sind. Außerdem finden sich noch typische Abflachungen am Bass-Ende des Stegs und an der Unterseite der Tastenenden. Alles in allem eine wohlfundierte Zuschreibung dieses Instruments.
Der Vortragende berichtete, dass er mit dem Instrument wahrscheinlich noch einen blinden Passagier transportiert hatte, denn beim Auspacken in Lennep fand sich Holzmehl ... Ob nun mit Wurm oder nicht: Claus Köppel spielte zum Abschluss seines gelungenen Vortrags noch ein Stück auf dem Clavichord und versprach, dem Leben seines möglichen Bewohners ein baldiges Ende zu setzen.
Samstag, den 17. April 2010 · von Eberhard Brünger
Gesprächskonzert mit Kris Verhelst
und Nachtkonzert „La mar de la musica” mit Suzana Mendes
„Es gibt mehr Dinge im Himmel und auf Erden,
als eure Schulweisheit sich träumen lässt.”
Das erfuhren wir in zwei Konzerten am Sonnabend, 17. April, in der Lenneper Stadtkirche. Kris Verhelst stellte auf Clavichord und Cembalo italienische Komponisten des 16. und frühen 17. Jahrhunderts vor, Suzana Mendes führte auf dem Clavichord in die Klangwelt der iberischen Musik des 16. und 17. Jahrhunderts ein. Der Rezensent, selbst eher späterer Musik zuneigend, bekennt freimütig, ein faszinierendes Bildungserlebnis gehabt zu haben, und das gleich doppelt. Erwartet hatte er eine Einführung in zwei musikhistorische Randgebiete, geboten wurden Perlen aus Zentren der europäischen Musik. Nicht nur das. Entstehungshintergrund, historische Voraussetzungen, instrumentale Bedingungen, soziale Gegebenheiten – all das wurde auf musikwissenschaftlich hohem Niveau erläuternd „mitgeliefert”. So gab Kris Verhelst etwa einen Einblick in die Probleme der Solmisation und der Modi, Suzana Mendes zeigte die Herkunft der frühen Tastenmusik aus Vokal-, Violin- und Vihuela-Musik auf.
Was hier in dürren Zeilen referiert wird, war vor Ort ein Hochgenuss. Wusste Kris Verhelst mit großem Sachverstand und zugleich mit viel Humor den theoretischen Überbau zu vermitteln, so übertrug sich Suzana Mendes Begeisterung spürbar aufs Publikum. Ihr Engagement für die Musik ihrer Heimat war fesselnd.
Die musikalische Darbietung war in beiden Fällen über jedes Lob erhaben. Wer Musik mit so viel Können, aber auch mit so viel Emotion zu vermitteln weiß, kann sicher sein, dass er (sie) die Hörer „erreicht”, und dass Alte Musik wieder sehr jung wird.
Die wunderschönen Instrumente sollen nicht unerwähnt bleiben. Kris Verhelst spielte ein italienisches Cembalo und ein Clavichord nach D. Pisaurensis („Leipzig Nr. 1”), beide von Volker Platte gebaut. Suzana Mendes entführte uns in die Wogen ihres „Musikalischen Meeres” auf einem Clavichord von Geert Karmann („Leipzig Nr. 10”).
Dank auch den Veranstaltern für solche Erlebnisse!
