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Clavichordtage

Rückblicke

Mitglieder- und Presseberichte zu den Clavichordtagen der DCS und zu weiteren Clavichordveranstaltungen

Clavichordtage Rückblicke

Eine kurze Zusammenfassung
der 47. Clavichordtage der DCS in Wesel

von Stefan Seyfried

47. Clavichordtage Titelbild

Die Orgel im Willibrordi-Dom in Wesel | Foto: Hermann Luyken (Wikimedia Commons, lizenziert unter CC0 1.0)

„Rheinabwärts zu den Niederen Landen“ „Mon seul plaisir, ma doulce joye – Impressionen & Intavolationen“ mit Werken aus der Zeit der Renaissance und des Barock gespielt auf Clavichord, Cembalo, Virginal und Orgel.

Unter dieser Prämisse standen die 47. Clavichordtage, die vom 6. bis 8. Mai 2022 in Zusammenarbeit mit der Weseler Dommusik und der Nederlands Clavichord Genootschap in Wesel stattfanden.

Dass die Organisation und Durchführung des Programms überaus sportlich ehrgeizig war, lässt schon allein die Vielzahl der Konzerte erkennen, die – jeweils unter einem anderen Motto, so viel sei schon vorweggenommen – jedes für sich einzigartig war. Sieben (!) Konzerte in knapp zweieinhalb Tagen, dazu noch Einführungen und Begrüßungen, Workshops sowie eine Führung durch das Haus Esselt und das Otto-Pankow Museum samt Archiv ließen vermuten, dass die Verantwortlichen die Zwangspause, die während der Corona-Pandemie angeordnet wurde, wieder einzuholen gedachten. Dazu gab es natürlich auch die obligatorische Mitgliederversammlung, diesmal nebst Neuwahl der Vorstandschaft.

Im Haus am Dom fand dann auch die rührige Begrüßung des ersten Vorsitzenden, Herrn Doktor Guido Sold, statt. Augenscheinlich freute er sich, wieder so viele bekannte Gesichter zu sehen. Seine äußerst interessanten und umfangreichen Erläuterungen über die Geschichte Wesels und der Umgebung zeugten von einer profunden Kenntnis der lokalen Gegebenheiten. Sie wurden im Programmheft mit der Überschrift „Musik der Niederrheinlande/Musik für das Clavichord – unterschätzte Bereiche unserer Musikkultur?“ angekündigt.

Dann ging es nebenan im Dom weiter. Dort spielte nämlich die Musik.

Dalyn Cook aus Amsterdam war die erste Künstlerin, die am Freitagabend im sogenannten Dom zu Wesel das Eröffnungskonzert der Deutschen Clavichord Societät geben durfte. Die überaus zahlreich versammelte Zuhörerschaft, bestehend hauptsächlich aus Mitgliedern und Freunden der DCS, wurde von ihr in der Heresbach-Kapelle der Weseler Stadtkirche St. Willibrord, der als Dom bezeichnet wird, bestens auf die 47. Clavichordtage der DCS eingestimmt.

Das Motto des Konzerts von Dalyn Cook lautete: „Claviermusik, 1695/96 in Wesel zu Papier gebracht“. Dabei verstand es die Künstlerin auf äußerst charmante Art und Weise, selbst moderierend durch das Programm zu führen. Bereits beim ersten Titel des Konzerts „Was wolln wir auf den Abend tun“ (ein anonym überliefertes Werklein) hatten, so meine ich, die meisten Besucher ihre eigenen Vorstellungen. Neben eher unbekannten Werken, wie die aus dem Kloekhoff-Manuskript oder auch die des Komponisten Gijsbert Steenwick (1642–1679) und Heinrich Reinis (1660–1710), kamen natürlich auch bekannte Größen zu Wort. So Jan Pieterszoon Sweelinck (ich fuhr mich vber Rheine, Ballo del Granduca), Michael Praetorius und Friedrich Wilhelm Zachow mit jeweils einer Choralbearbeitung, sowie Johann Jakob Froberger mit der Partita „Auff die Mayerin“. Trotz des für Clavichorde nicht idealen Raumes, bei dem die Zuhörer wahrscheinlich besser hören konnten als die Künstlerin, verstand es die aus den USA stammende Dalyn Cook die ausgewählten Clavichorde exquisit zum Sprechen zu bringen. Stets waren alle Melodieführungen exakt dargestellt und gut artikuliert. Mit einer Courante namens „Slapen gaen“ eines Anonymus schickte uns Dalyn ins Bett …

Daran dachten aber natürlich die wenigsten Besucher, vielmehr wurden im Anschluss die schon so lange vermissten sozialen Kontakte bei einem Umtrunk in einem nahegelegenen Lokal wieder aufgefrischt.

Am zweiten Tag durften dann die vielen mitgebrachten Clavichorde bestaunt und untersucht und angespielt werden. Viele kleine gebundene Instrumente standen da inmitten ihrer großen Brüder, ja sogar ein zweimanualiges Pedalchlavichord war dabei.

Menno van Delft aus Amsterdam war der Gast des Vormittagskonzerts, das unter der Prämisse „Mon Seul Plaisir, Ma Doulce Joye – Impressionen und Intavolationen“ stand. Nachdem bereits am Vorabend seine Studentin brillieren konnte, zeigte jetzt der Meister selbst seine besondere Klasse. Werke von Mitte des 15. Jahrhunderts bis zum Beginn des 17. Jahrhunderts standen auf den Programm. Durch die immensen profunden Fachkenntnisse, der Traktierung der Instrumente und der jeweiligen filigranen Ausarbeitung der verschiedenen Stile konnte Menno van Delft das Publikum sichtlich mitreißen. Über Toledo, Antwerpen, Neresheim, Straßburg, Avila, Lissabon, Madrid, Saragossa, Brüssel, Antwerpen, ging die musikalische Reise. Am Ende spielte er zusammen mit Dalyn Cook ein Werk von Thomas Crequillon: „Cancion belle sans paire, a doce para dos instrumentos“ auf zwei Clavichorden. Der Funke sprang über und so wurde ihnen am Ende des Konzerts ein riesiger Applaus zuteil.

Die großartige Marcussen-Orgel des Willibrordi-Doms mit ihren 56 Registern kam jetzt gleich im Anschluss zum Zuge, meisterhaft gespielt wurde sie von dem aus Luxemburg stammenden Francis Lucas. Im Rahmen der Reihe „Orgelmusik zur Marktzeit“ waren mit gut gewählter Registrierung Werke von Sweelinck, Scheidemann, Cornet und Scheidt zu hören. Nach den zarten und duftigen Clavichordklängen mussten sich die Ohren allerdings erst wieder an die im Verhältnis lauten Klänge der Orgel gewöhnen. Die niveauvolle Behandlung des Öffnens und des Schließens der Ventile, sprich das Spiel mit dem Wind, ließ erkennen, dass er sich intensiv mit der Barockmusik in Norddeutschland auseinandergesetzt hat. Er erweckte die Werke unter seinen Händen zum Leben und dem Publikum wurde hier ein außerordentlich gut geratenes Konzert dargeboten. Francis Lucas fungierte hier aber nicht nur als Organist, sondern brachte auch das von ihm selbst gebaute zweimanualige Pedalclavichord mit nach Wesel.

Wegen der obligatorischen Mitgliederversammlung mit Neuwahl im Haus am Dom begann die Vorstellung der mitgebrachten Clavichorde durch Sigrun Stephan aus Duisburg mit etwas Verspätung. Dieses Highlight darf bei keinen Clavichordtagen fehlen und bietet einen Einblick über die Vorzüge und Besonderheiten der jeweiligen Instrumente. Unter dem Motto „Instrumente einer Ausstellung“ oder „Clavichorde einer Ausstellung“, angelehnt an Modest Mussorgskis „Bilder einer Ausstellung“, stellte Sigrun Stephan jedes Instrument zuerst mit einem kleinen Fugato von Albrechtsberger vor (das nebenbei motivisch sehr verwandt mit der Promenade aus Mussorgskis Werk ist), bevor dann das jeweilige Instrument mit einer dafür ausgesuchten Komposition erklingen konnte. Es ist immer wieder erstaunlich, wie gut die Künstlerin trotz der kurzen Vorbereitungszeit die verschiedenen Clavichordtypen beherrscht und für jedes Instrument ein passendes Werk findet, das dessen Vorzüge sichtbar und hörbar macht. Vom kleinsten Clavichord mit kurzer Oktave bis zum großen Instrument mit über 5 Oktaven Umfang war alles dabei. Dabei musste sie sich bei den gebundenen Instrumenten auf die 2- bis teilweise 4-fachen Bindungen einstellen, teils auch auf gebrochene Obertasten. Die Auswahl der Stücke und der Instrumente zeugte von großer Vielseitigkeit und Flexibilität der Künstlerin. Zum Schluss gab es etwas Besonderes: Händel, gespielt auf zwei Clavichorden. Ihr Partner: Menno van Delft.

Selbiger war auch gleich wieder im Anschluss gefordert beim nun gleich beginnenden Workshop. Jeder Proband durfte ein Werk mit ihm erarbeiten. Die 4. Sonate von Johann Kuhnau „Der todtkrancke und wieder gesunde Hiskias“ aus „Musicalische Vorstellung einiger biblischer Historien“ sowie die „Chromatische Fantasie“ von Johann Sebastian Bach waren die gewählten Stücke. Menno van Delft verstand es auf überaus sympathischer Art und Weise, den Vortragenden Hilfen und Tipps zu geben, von denen nicht nur die aktiven Teilnehmer profitieren können.

Am Abend begann, etwas verspätet, das nächste Konzert mit Reinhard Siegert aus Arnheim/Köln. „Psalmen, Lieder und Fantaseyen“. Unter diesem Motto vermochte er aus verschiedenen Tabulaturen und Manuskripte die Musik vergangener Jahrhunderte erlebbar zu machen. Als Instrument wählte er ein Virginal und in der Hauptsache das kleine Clavichord von Burkhard Zander. Hier konnte man das wundervolle Ereignis miterleben, wie Instrument und Ausführender zu einer Einheit verschmolzen und der Funke sofort auf die Zuhörer übersprang. Glasklar perlende Läufe wechselten mit cantabler Melodieführung. Die rhythmischen Eigenheiten der Kompositionen konnte Reinhard aufs Beste darstellen. Dass alte Musik nicht altbacken klingen muss, wurde spätestens jetzt jedem hier in der Kapelle des Willibrordi-Doms klar. Ein Konzert von dem man viel mitnimmt, auch als Künstler.

Über Sinn oder Unsinn eines sogenannten „Nachtkonzertes“ lässt sich natürlich streiten. Fakt ist, dass Valentina Villaseñor alle überzeugt hat und es niemand bereut hat, zu später Stunde in die Volkshochschule Wesel zu kommen, wo eines der Highlights dieses Wochenendes stattfand. Die Stipendiatin des DCS der Jahre 2019 und 2020 begeisterte mit einem Programm, das so gar nicht in das Schubladendenken von Clavichordmusik passte. Denkt man an Clavichord, assoziieren das die Allermeisten mit den Epochen der Renaissance bis zur Klassik. Valentina Villaseñor schaffte es mit ihrem Programm, das unter der Überschrift „Ein eklektisches Klavierbüchlein/Late Night Konzert“ stand, das Publikum eines Besseren zu belehren. Pal Kadosa, Chick Corea, Bela Bartok und Zoltan Kodaly hatten dabei wohl die Wenigsten auf dem Schirm. Ergänzt wurde das Ganze mit Werken von Carl Philipp Emanuel Bach, Johann Sebastian Bach und Johann Adolph Hasse. Ein mitreißendes Erlebnis, bei dem viele Besucher schwungvoller aus dem Konzert kamen, als sie hingekommen waren. Die aus Santiago in Chile stammende Künstlerin lebt jetzt in Weimar und brachte es fertig, den Spannungsbogen zwischen den verschiedenen Stilen nie zu unterbrechen, ja sogar mit dem letzten Stück (Aria BWV 988,1) diese über das Konzert hinaus aufrecht zu erhalten.

Der letzte Tag wurde in das nahe gelegene Haus Esselt bei Drevenack verlegt. Hier gab es die Möglichkeit, das selbige zu besichtigen nebst dem Otto-Pankow-Museum samt Archiv. Auch konnte man das Angebot eines Workshops von Martin Kather unter dem Titel „Stimmen und Pflege von Clavichorden“ wahrnehmen.

Zum Matinéekonzert lud dort in einem recht intimen Rahmen dann Roman Mario Reichelt aus Probsteierhagen ein. Unterstützt wurde er von Julia Belitz (Wuppertal) und Monika Seiler (Xanten) mit ihren Blockflöten. Das Konzert „Von Düsseldorf rheinabwärts unterwegs“ wurde recht abwechslungsreich gestaltet. Jedoch fehlte durch einen unglücklichen Organisationsfehler das angekündigte Clavichord, welches den innigen Charme – nicht nur der Kompositionen von Sweelinck – sicher noch mehr Ausdruck verliehen hätte als das Cembalo. Sowohl bei Solowerken für Bockflöte (van Eyck) als auch bei den gemeinsam vorgetragenen Flötenduetten von J. Burckhardi zeigten die beiden Künstlerinnen ihre Modulationsfähigkeit im Ton überzeugend auf. Die Cembalowerke interpretierte Roman Reichelt souverän, mit viel Kenntnis und Geschick. Dass Froberger am Clavichord besser zur Geltung gekommen wäre oder die „Folie de Espagne“ von Reinis ist anzunehmen. Wenn man sich jedoch auf das Cembalo einließ, wurde man mehr als entlohnt. Zuletzt noch Duette aus Händel-Arien mit b.c. sowie eine eingefügte Clavierfassung von Babell, gefolgt von dem Air aus der Hornsuite der „Wassermusik“. Und zu allerletzt eine Triosonate von Corelli, bei der die Flöten noch einmal glänzen konnten.

Zum Ausklang war dankenswerterweise noch eine nette Bewirtung im Garten des Anwesens organisiert. So gestärkt konnten die Teilnehmer dann ihre Rückreise antreten.

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The Nordic Historical Keyboard Festival 2022 in Kuopio, Finnland

Ein Bericht von Sigrun Stephan

Sigrun Stefan vor dem Konservatorium Kupio

Sigrun Stephan vor dem Konservatorium Kuopio, der „Schaltzentrale“ des Festivals

Mit Begeisterung für die Musik im Allgemeinen und für das Clavichord im Besonderen wird dieses Festival alljährlich von der Clavichordspielerin Anna Maria McElwain organisiert und gestaltet. Hier ist der Blick über den eigenen Tellerrand hinaus garantiert und es gibt keine Berührungsängste.

Alle beteiligten Musiker werden mit großer Herzlichkeit empfangen und persönlich von der Veranstalterin am Bahnhof, und falls nötig, auch vom Flughafen abgeholt. Die insgesamt 27 Veranstaltungen fanden in verschiedensten Räumlichkeiten statt. Diese Aufführungsorte liegen alle im Stadtzentrum und sind fußläufig nahe beieinander. So lernt man ganz nebenbei auch die schöne Stadt Kuopio kennen.

Zu fast allen Konzerten ist der Eintritt frei, und so ergibt es sich, dass das Publikum bunt gemischt ist vom Clavichord-Nerd bis hin zum absoluten ‚Ersthörer‘.

Dazu kommen eine gute Internetpräsenz und überall erhältliche Gesamtprogramme, die Interesse wecken und auch spontane Besuche möglich machen. Man sieht Menschen, die offensichtlich alle Konzerte anhören, es gibt aber auch solche, die scheinbar zufällig vor Ort waren und einfach eine Stunde lang Musik genossen haben.

Albert Mühlböck widmete sein erstes Konzert E.T.A. Hoffmann (1776–1822). Das Programm mit Musik von W. A. Mozart, R. Schumann, E.T.A. Hoffmann und C.P.E. Bach war interessant zusammengestellt und sehr emotional gespielt. Der Raum war wohl optisch nicht ausgesprochen schön, aber dafür klanglich hervorragend geeignet für die feinen Töne und feinsten Nuancen des Clavichords. Also: gute Innenakustik und kaum Geräusche von außen.

Albert Mühlböck beim Stimmen

Albert Mühlböck beim Stimmen

Am Tag danach spielte Anna Maria McElwain eines ihrer vielen Konzerte. Es fand in der Stadtbibliothek statt, wo die Akustik leider nicht ganz so optimal war. Anna Maria spielte ein ganz besonders seltenes Clavichord-Repertoire: neben Ludwig van Beethoven (op. 31,2) gab es einen Chopin-Walzer und daneben Musik von gleich drei verschiedenen lebenden Komponisten (Jouni Kuronen, Leonardo Coral und Adam Al-Sawad). Alle diese Stücke waren explizit für das Clavichord komponiert. Und da sie geschickt die klanglichen Besonderheiten des Instruments nutzten, klangen sie auch wirklich auf eine ganz selbstverständliche Weise gut.

Anna Maria zeigte mit souveränem Spiel, wie sehr sie die gesamte Palette des Clavichordklangs kennt und auszuschöpfen vermag. Diese Meisterschaft ist bei ihr zudem gepaart mit der großen Gabe, das Publikum anzusprechen und mitzureißen.

Mit einer schwungvollen Ankündigung für das folgende Konzert beendete sie ihr eigenes und sorgte so für einen Besucherrekord (etwa 80 Zuhörer) bei meinem Recital.

Am 19. Mai durfte dann also ich spielen – es war ein ganz wunderbar klingender Raum, wieder ganz ohne Außengeräusche. Selbst drei beim Stimmen kurz vor dem Konzert gerissene Saiten verursachten keine Panik. Alles wird ohne Hektik repariert (von der allgegenwärtigen Festival-Leiterin), und ich kann mich mit einem äußerst dankbaren Publikum sehr wohl fühlen.

Auf dem Programm standen Pachelbel, Fischer, G. Benda, J.S. Bach, Frescobaldi und C.P.E. Bach. Dank der guten Atmosphäre konnte ich so gut spielen wie ich es mir erhofft hatte. Der Applaus zeigte echte Begeisterung, und nur mit einer Zugabe war das Konzert zu beenden.

Sigrun Stephan vor ihrem Recital

Sigrun Stephan vor ihrem Recital

Den größten Kontrast setzte Albert Mühlböck in seinem zweiten Konzert. Ausschließlich Chopin, ausschließlich auf einem großen modernen Flügel gespielt. Das alles in dem wunderbaren Festsaal des Rathauses in Kuopio, groß genug für die Lautstärke des Instruments.

Eigentlich wollte ich dieses Programm nicht unbedingt besuchen, war aber dann doch sehr froh, es doch gehört zu haben. Herzerfrischende Virtuosität, gepaart mit großer Sensibilität war hier zu erleben.

Anna Maria McElwain, S. Stephan u. Albert Mühlböck

Anna Maria McElwain, S. Stephan u. Albert Mühlböck

Noch am selben Tag fand das möglicherweise lustigste Konzert statt. Anna Maria, Albert und ich spielten u.a. eine Hässler-Sonate für drei Hände zu dritt an einem Clavichord. Außerdem das „Dreyblatt“ des Bach-Enkels Wilhelm Friedrich Ernst Bach (1759–1845) für gleich 6 Hände, auch das an EINEM Clavichord – nicht nur lustig zu hören, sondern wohl auch echt amüsant anzusehen. Daneben gab es auch Stücke für zwei Clavichorde von Wilh. Friedemann Bach, G.F. Händel und J.S. Bach. Außerdem aber auch ernste Fugen von Robert Schumann über das B-A-C-H-Thema für Pedal-Clavier, ausgeführt von zwei Personen an einem Instrument. Und auch Beethoven war wieder dabei, mit seinen Waldstein-Variationen für 4 Hände an einem Clavier. Spaß und Freude (gleichsam mit Götterfunken!) für Spieler und Publikum.

Wilhelm Friedrich Ernst Bachs „Dreyblatt“ für 3 Spieler an einem Instrument

Wilhelm Friedrich Ernst Bachs „Dreyblatt“ für 3 Spieler an einem Instrument

Ein Konzert mit Clavichord und Vihuela bot dann frühe spanische und italienische Musik. Päivi Vesalainen (Cl.) und Janne Malinen (Vih.) spielten sehr delikat und feinsinnig. Ich persönlich finde es immer etwas schwierig mit der Balance solcher Besetzungen, bin aber sicher, dass es für das Publikum trotzdem ein echtes Erlebnis war. Da es speziell für diese Besetzung kein ‚originales‘ Repertoire gibt, waren die Duos Bearbeitungen oder zumindest Adaptionen (z.B. von Vihuela-Duetten des E. Valderrabano). Daneben gab es aber auch recht viele Solostücke zu hören, die durchweg überzeugend gespielt waren.

Janne Malinen und Päivi Vesalainen

Janne Malinen und Päivi Vesalainen

Das letzte Konzert, das ich noch selbst anhören konnte, widmete sich Musik von C.P.E. Bach aus den Sammlungen für Kenner und Liebhaber (darunter zu meiner Freude etliche meiner Lieblingsstücke). Die Norwegerin Ingrid Eriksen Hagen spielte Clavichord, und Anna Maria McElwain rezitierte dazwischen zeitgenössische Texte des englischen Schriftstellers Laurence Sterne, die dem Publikum die ‚Empfindsamkeit‘ der damaligen Zeit illustrierte. Und obgleich das auf Finnisch geschah und ich also nichts wirklich verstand, war ich voller Spannung dabei. Ingrid Eriksen Hagen spielte stürmisch, drängend, kraftvoll – und sehr empfindsam.

Danach ging es noch echt finnisch in eine echte holzbefeuerte Sauna an einem echten finnischen See im Nirgendwo – Herrlich!

Sigrun, Ingrid, Päivi und Anna Maria vor dem Saunagang

Sigrun, Ingrid, Päivi und Anna Maria vor dem Saunagang

So viele Konzerte konnte ich erleben, bevor ich leider wieder nach Deutschland zurückfliegen musste – So habe ich leider die 15 (!) noch folgenden Konzerte des Festivals verpasst.

Die den Spielern zur Verfügung stehenden Instrumente in Kuopio sind möglicherweise nicht wirklich ganz oben in der Instrumenten-Champions-League angesiedelt, dafür aber gibt es immer genügend Zeit und Raum zum Üben, Proben und Stimmen.

Ein großartiges Festival, mit Elan organisiert, mit Begeisterung in die Tat umgesetzt, mit Freude gespielt und gehört. Sowohl Publikum als auch Musiker lernen sich untereinander kennen und kommen gerne wieder.

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46. Clavichordtage der Deutschen Clavichord Societät

vom 8.–10. Oktober 2021 in Wittenberg.

46. Clavichordtage Titelbild

Im Uhrzeigersinn, oben links beginnend: Wittenberg mit Schlossturm und Schlosskirche / Marktplatz mit Lutherkirche / Thesentür der Schlosskirche / Rathausportal / Leucorea (Straßenfront) / Gartenfront von Leucorea und Melanchthonhaus.

Ja, schließlich war es soweit: am Abend des 8. Oktober 2021 begannen im dritten Anlauf gut zwei Jahre nach Stade die 46. Clavichordtage in Wittenberg! Nach einleitenden Worten des 1. Vorsitzenden, Guido Sold, waren alle gespannt auf ein Konzert, dessen Programm Ellen Hünigen aus Berlin vorgeschlagen hatte und das der frühen Phase unseres Instruments galt, in der das tiefe Bassregister (mit sog. „kurzer Oktave“) chromatisch oft unvollständig war und sich oft (in sog. gebundener Bauweise) mehrere Tasten dieselbe Saite teilten.

Ellen begann mit einer Gruppe dreistimmiger Motetten englischer Herkunft, als Iintavolation umgesetzt, deren letzte dem weihnachtlichen Festkreis angehört. Es folgte das Werk, das dem Programm seinen Namen gab („Vil liber zit uff dieser erden“), zu finden im „Buxheimer Orgelbuch“ und in einer Notation, das die Stimme der rechten Hand auf einem 7-Liniensystem wiedergibt und die Griffe der linken in Buchstaben – worüber eine Tabula manucordii (!) am Ende der Handschrift Auskunft gibt; für manche Stücke gibt es weitere Hinweise, vor allem p für pedaliter, einmal aber auch In Cytharis … Und wie manches daraus eine italienische oder französischsprachige Vorlage hat, gilt dies auch für einen Teil dessen, was wir aus dem „Lochamer Liederbuch“ zu hören bekamen.

46. Clavichordtage Programm Konzert 01

Das Programm des Konzerts von Ellen Hünigen


Mit Antonio de Cabezón und dem, was Clemens Hör notierte, betraten wir eine andere Welt. Vierstimmigkeit überwiegt jetzt, und die polyphone Linienführung ist unseren Ohren eher vertraut, und mit „Anchor che col partire“ begegnen wir bereits dem Madrigal einer Renaissance, die nicht zuletzt über Orlando di Lasso und den Münchner Fürstenhof (wo sich Cypriano de Rore vorübergehend aufhielt) den Weg nach Deutschland fand. Etwa zeitgleich niedergeschrieben, vermittelte uns Ellen Hünigen abschließend für ein Tasteninstrument gefasste deutschsprachige Lieder, zurückgehend auf Paul Hofhaimer, der zuletzt am Salzburger Dom Organist war.

Ellen selbst gab folgende Hinweise:

  • Ad primum, * aus dem Old Hall Manuscript (British Library, Add MS 57950), frühes 15. Jh., mit 148 Kompositionen umfangreichste und bedeutendste Sammlung englischer geistlicher Musik des späten 14. und frühen 15. Jahrhunderts mit Sätzen aus dem Mess-Ordinarium, Motetten und Conductus; vermutlich zuletzt im Besitz von Thomas, Duke of Clarence (gest. 1421); mit Kompositionen von Leonel Power, Thomas Byttering, Thomas Damett, Roy Henry (Henry IV. oder V.), Thomas Sturgeon, Mayshuet u. a. und anonymen Kompositionen: fuge e capricci pel’ clavicembalo o per l’organo (1777).
  • ** aus dem Buxheimer Orgelbuch, ca. 1460/70, 265 Originalkompositionen und Bearbeitungen von weltlichen Chansons, Liedern und Tanzsätzen von Dunstable, Dufay, Binchois, Frye, Paumann und anonymen Komponisten, geschrieben für die Reichskartause Buxheim, Unterallgäu (heute aufbewahrt in der Bayrischen Staatsbibliothek München)
  • *** aus dem Lochamer-Liederbuch, Mitte 15. Jh., Nürnberg (heute Staatsbibliothek Berlin Ms. 40613), mit 50 anonym überlieferten Melodien und 32 instrumentalen Bearbeitungen, fast alle Lieder deutsch textiert, auch enthalten ist Conrad Paumanns „Fundamentum organisandi“ (Kompositions- und Improvisationslehre für Tasteninstrumente, auch im Buxheimer Orgelbuch enthalten)
  • **** Antonio de Cabezón (1510–1566), bedeutendster spanischer Komponist seiner Zeit für Tasteninstrumente, blind seit Kindheit, Hoforganist unter dem Kaiser Karl V. (zuvor König von Kastilien und Aragon, nach dem Tode Kaiser Maximilians auch Herrscher über Habsburg und Österreich), später am spanischen Königshaus Philipps II. und Isabellas, u. a. zuständig für das Spielen der Orgel und des Clavichords, auch auf ausgedehnten Reisen des Königshauses, komponierte Intabulierungen (Bearbeitungen polyphoner Vokalmusik, besonders von Josquin des Prez), Tientos (kontrapunktische Orgelstücke im Stil der Intabulierungen); Canciones glosadas (Umspinnen der Gerüstsätze polyphoner vokaler Vorlagen mit musikalischen „Glossen“ und vielen Füllnoten) und diferencias (Variationen)
  • ***** aus der Tabulatur des Clemens Hör (1515–1572, St. Gallen), eines Schweizer Humanisten; die Tabulatur entstand 1535–1540 (heute Zürich, Zentralbibliothek, Z. XI. 301), Hör hatte u. a. auch Komposition studiert, die Tabulatur könnte von ihm geschrieben sein, meist als reines Absetzen der vokalen Vorlagen weltlicher Musik: deutsche Liedsätze, französische Chansons, eine italienische Frottola und ein Moriskentanz.

Bleibt nachzutragen, dass Ellen Hünigen Klavier und Komposition studierte, dazu Gesang und Musikwissenschaft. Sie befasste sich schwerpunktmäßig mit der Musik des Mittelalters, ist Mitgkied mehrerer Vokalensembles, unterrichtet und konzertiert in diesen Bereichen, befasst sich aber auch mit zeitgenössischer Musik. Zu uns führte sie ihre intensive Beschäftigung mit alten Tasteninstrumenten, vor allem mit dem Clavichord.


Soweit der Freitagabend. Den Samstag, 9. Oktober, begannen wir, was in beeindruckender Weise – wie ausgeführt – die Mitglieder unserer niederländischen Schwestergesellschaft schon lange praktizieren und wovon Toine Moorbeek so beredt Zeugnis abgelegt hat (s. o.): den „Zusammenspieltag“.

Wir dürfen vorwegnehmen: es war eine recht kleine Runde, die hier zusammentraf. Zugegen waren, in alphabetischer Ordnung, neben den Künstlern und Herrn Spree, dem Referenten, und den Mitgliedern des Vorstands Lothar Bemmann, Ralf Beierle, Prof. Michael Hasel, Heiko Hansjosten, Antoinette und Andreas Hermert, Dorothea Machnitzke, Sander Ruys, teilweise mit Begleitung; summa summarum waren es 18 Personen.

Die mitgebrachten Clavichorde wurde reihum angespielt und vorgestellt; sie reichten vom Nachbau eines anonymen Instruments aus dem 16. oder 17. Jahrhundert (gebunden, mit kurzer Oktave) bis zum großen, „freien“ Clavichord des 18. Jahrhunderts mit eigens gefertigtem Gestell, vollen fünf Oktaven und ungebrochener Oktave.

Nach einer Mittagspause begann Hartmut Schlums mit dem ersten der „6 kleinen Präludien“, C-Dur, von Johann Sebastian Bach; der weitere Weg führte dann wiederum von der Frühzeit über W. A. Mozart und die Epoche von Empfindsamkeit, Sturm und Drang bis in das 20. Jahrhundert, wo sich Hartmut Schlums und Guido Sold an vierhändigen Tänzen von Mátyás Seiber („Paso doble“, „Tango Argentino“) versuchten.

Der weitere Teil des Nachmittags war dann vor allem geprägt von Michael Hasel, der auf seinem von Andreas Hermert gebauten Instrument eine ihm gewidmete Komposition des Finnen Kalevi Aho spielte, zweiteilig, etwa neun Minuten dauernd, teilweise sehr verhalten und ruhig, aber auch sehr bewegt, aufdringlich, stürmisch: „Solo für Clavichord“ (2019) – im Ganzen ein Werk, das alle beeindruckte und Staunen hinterließ. Prof. Hasel wird es im kommenden Jahr auf CD aufnehmen, sodass wir im Grunde einer Welturaufführung beiwohnten.

Kahlevi Aho, *1949, gilt als einer der führenden Komponisten Finnlands, wenn nicht der führende. Er studierte unter Einojuhani Rautavaara and Boris Blacher, las von 1974 bis 1988 Musikologie an der Universität von Helsinki und war von 1988 bis 1993 Professor für Komposition an der dortigen Sibelius-Akademie; seit Herbst 1993 ist er freischaffender Komponist. Einen Durchbruch erzielte er mit seiner Ersten Symphonie (1969, mittlerweile gibt es deren 16) und dem Dritten Streichquartett (1971); er schrieb/schreibt Kammermusik, Instrumentalkonzerte, Opern, aber auch Sonaten/Soli beispielsweise für Violoncello (2005), Trompete (2010), Horn, Oboe (2011), Klavier (2008…2019), Harfe, Klarinette, Posaune (2019) ….

Diesen spielerischen Teil beschloss Sander Ruys mit einer wie immer mustergültig vorgetragenen klassischen Sonate. Ihm schlossen sich, parallel durchgeführt, die Workshops „Stimmen und Pflege von Clavichorden“ von Martin Kather und „Das Clavichord im Internet“ von Guido Sold an.

Mit Spannung erwarteten wir nun am Abend das Stipendiatenkonzert, für das wir Valentina Villaseñor gewinnen konnten. In Parenthese sei hier zunächst eingefügt, dass wir uns in den Räumen der Leucorea sehr wohlfühlten, angefangen vom Foyer über die Seminarräume und das Auditorium Maximum bis zu den Übernachtungszimmern; viel Lob gab es für die gelungene Gesamtanlage und – für Clavichordspieler und -publikum besonders wichtig – die Ruhe, in und mit der alles stattfinden konnte.

Einen bedauerlichen Einschnitt gab es allerdings dadurch, dass, wohl aufgrund ungünstiger und unglücklicher Witterungsbedingungen (zu sehen im Zusammenhang mit Belüftung, Heizung und/oder Beleuchtung) wir wahrnehmen mussten, dass es zu einem Riss im Resonanzboden bei (zumindest) einem der Clavichorde gekommen war – was uns veranlasste, die spätnachmittägliche Sitzung abzubrechen und nach einer Lösung zu suchen. Wir fanden diese, wie die beigefügten Fotografien zeigen, indem wir für den Rest dieser Clavichordtage (den Vortrag des Sonntagvormittags ausgenommen) das Foyer für die Konzertveranstaltungen nutzten.

Nun aber zu Valentina.

Valentina Villaseñor

Valentina Villaseñor


Geboren in Santiago de Chile, studierte Valentina Villaseñor in ihrer Heimatstadt Komposition-und Klavier. In der Folge zog sie in die Niederlande, wo sie 2017 am Königlichen Konservatorium in Den Haag bei Jacques Ogg und Patrick Ayrton ein Bachelorstudium im Bereich Cembalo und Generalbass abschloss. Danach wechselte sie nach Weimar, um bei Prof. Bernhard Klapprott im Institut für Alte Musik an der Hochschule für Musik Franz Liszt die Fächer Cembalo und Clavichord zu belegen und im Sommer 2021 mit Erfolg zu Ende zu führen.

Ergänzend besuchte sie Meisterkurse unter anderem bei Christophe Rousset, Kris Verhelst, Francesco Corti und Corina Marti; sie nahm an Orchesterakademien teil und wirkte an Projekten mit unter der Leitung von unter anderem Charles Toet, Kate Clark, Susan Williams und Johannes Pramsohler.

Valentina hat teils solistisch, teils als Continuo-Cembalistin in mehreren Ensembles in den Niederlanden, in Deutschland, Finnland, Frankreich und Chile gespielt. Sie ist Mitglied des Q Ensemble Berlin, einer Gruppe, die Alte Musik mit Theaterspiel und bildenden Künsten mischt. Mit ihr gastierte sie beispielsweise bei dem Felix Urban Festival Köln und in der Postdamer Schlössernacht; auch an den Kunst-Videoproduktionen des Ensembles war/ist sie aktiv beteiligt.

46. Clavichordtage Programm Konzert 02

Das Programm des Konzerts von Valentina Villaseñor


Als Clavichordspielerin schließlich war Valentina 2019 und 2020 Stipendiatin der Deutschen Clavichord Societät. Zusammen mit Vera Plosila (Traversflöte) gründete sie 2020 das Duo „Pour les Dames“, das sich mit dem Clavichord in besondere Weise dem gemeinsamen Repertoire des späten 18. Jahrhunderts widmet, insbesondere im Umfeld Carl Philipp Emanuel Bachs.

Nach Worten der Einführung durch Heiko Hansjosten, der mit großem Engagement die Stipendiaten der DCS betreut, harrten wir also mit gespannter Aufmerksamkeit der Dinge.

Wie sich dann sehr rasch zeigte, hatte Valentina unter dem Titel „Ein eklektisches Klavierbüchlein“ ein wirklich außergewöhnliches Programm zusammengestellt. Nahezu nahtlos fügte sie Werke von Johann Adolph Hasse, Johann Sebastian und Carl Philipp Emanuel Bach zwischen Klavierkompositionen des 20. Jahrhunderts, sodass sich gewissermaßen auf Augenhöhe, was Musikalität und Modernität angeht, Pál Kadosa (ein Schüler Béla Bartóks), Bartók selbst, sein Kollege und Freund Zoltán Kodály und Chick Corea untereinander und mit den von vielen zu Recht sehr geschätzten drei „Alten“ begegneten. Ein nicht nur spannendes, sondern auch inspirierendes, insgesamt: höchst gelungenes Zusammentreffen. Dies war jedenfalls die übereinstimmende Meinung der Zuhörerschaft, wobei nicht nur die Auswahl dieser „Claviersachen“, sondern – schnörkellos und entschieden, zugleich feinfühlig und empfindsam – deren Ausführung überaus gefiel. Schön auch, dass Valentina mit der Aria der Goldberg-Variationen endete!

Das abschließende Urteil (nicht nur) des Vorstands: eine sowohl für das „moderne“ Instrument Clavichord wie für die Gegenüberstellung „Alte – Zeitgenössische Musik“und, natürlich, die junge Künstlerin außerordentlich einnehmende Darbietung, wert, auf CD festgehalten zu werden.


Es folgte: Sonntag, der 10. Oktober. Mit 9:30 Uhr als Beginn hatten wir Eberhard Spree aus Leipzig zu einem Vortrag eingeladen. Der Grund: Im Hauptberuf Kontrabassist, tätig im Gewandhausorchester der Stadt, war in das Blickfeld Herrn Sprees vor einigen Jahren ein Dokument geraten, das Philipp Spitta bereits 1880 im Druck veröffentlicht hat und vielen als Nachlassverzeichnis J. S. Bachs bekannt ist – nicht zuletzt deswegen, weil es auch Musikinstrumente benennt. Darin fiel ihm auf, dass als am zweithöchsten taxierter Posten (nach einem fournirt Clavecin) ein Bergwerksanteil notiert ist (bisher wenig beachtet), den Johann Sebastian gehalten hat. Die Nachfrage, was es damit denn auf sich habe, führte Herrn Spree in das zuständige (Berg)archiv in Freiberg/Sachsen mit dem Ergebnis ergänzender Aktenfunde, es führte zur Promotion in Musikwissenschaft und verhalf zu neuen Erkenntnissen über Johann Sebastian Bach und seine Ehefrau Anna Magdalena, insbesondere auch über ihre Stellung innerhalb der Familie und darüber, ob sie wirklich, wie meist zu lesen, sehr verarmt gestorben war.

Betitelt war dieser Vortrag:
Dr. Eberhard Spree (Leipzig): Frau Capellmeisterin Anna Magdalena Bach – Werdegang, Wirken und Witwenstand

Hiervon sei festgehalten, dass Herr Spree nicht nur einen materialreichen, mit bildlichen Dokumenten guthinterlegten Überblick über Anna Magdalena und die Bachische Familie gab; sein Vortrag beeindruckte auch durch eine ungewohnte Anschaulichkeit und Frische der Darstellung. In der Summe führten seine Funde zu weiteren Fragen, und diese warfen auf vieles (vermeintlich) Bekanntes ein neues Licht – letztlich versprechen sie auch für die Zukunft noch spannende Informationen.

Mads Damlund aus Kopenhagen oblag es anschließend, die verschworene (?) Gemeinde dieser Clavichordtage nach einer Verschnaufpause im Foyer der Leucorea mit dem Matinéekonzert in das Goldene Zeitalter Dänemarks zu entführen; bemerkenswerterweise tat er dies anhand von drei deutschen oder zumindest deutschstämmigen Komponisten. Zu dem von ihm dafür ausgearbeiteten Programm machte er folgende Angaben:

Wir begeben uns damit auf eine musikalische Reise in das Kopenhagen vom Ende des 18. Jahrhunderts. Dies war der Beginn des sogenanten Goldenen Zeitalters mit einer Zunahme künstlerischer Aktivitäten, einer lebendigen Musikkultur und aufkommendem Nationalismus. Paradoxerweise kam die treibende künstlerische Kraft von deutschen Musikern und Komponisten, die man einlud, in Dänemark zu arbeiten und auch zu bleiben.

Das Clavichord war immens populär in Kopenhagen, wo man eine Menge Instrumente sowohl von örtlichen Erbauern finden konnte wie auch solche, die von Hamburg importiert wurden. So kann noch heute die größte Anzahl von Clavichorden der berühmten hamburgischen Familie Hass in Kopenhagen gefunden werden.

Im Zentrum der musikalischen Aufmerksamkeit stand dabei die Oper. Deren glänzende, Eindruck heischende Welt mag im Gegensatz zu stehen scheinen zu dem stillen, introvertierten Clavichord. Daher mag es auch überraschen zu erfahren, dass in dieser vor-Wagnerschen Zeit die kopenhagener Oper mehr als 20 Clavichorde besaß, die dem Studium und den Proben mit den Sängern dienten. Erst gegen 1820 erwarb die Oper ein Pianoforte. In diesem Sinne habe ich ein Programm vorbereitet mit Musik „übernommener“ dänischer Komponisten, die mit der Königlichen Oper in Kopenhagen in Verbindung standen – und in der Hoffnung, dass Sie Gefallen finden an dieser kleinen „Oper im Heim“.
46. Clavichordtage Programm Konzert 03

Das Programm des Konzerts von Mads Damlund


Johann Gottfried Naumann (1741–1801)

Nachdem er in Stockholm erfolgreich die Oper reformiert hatte, wurde Johann Gottfried Naumann zum Leiter der Oper in Kopenhagen berufen, eine Stelle, die er bald wieder verließ, um anderswo zu arbeiten. Allerdings schaffte er es, die allererste Oper in dänischer Sprache zu komponieren, „Orpheus & Eurydike“, die ein großer Bühnenerfolg wurde. Die Ouvertüre öffnet recht theatralisch in einem dramatischen c-moll, wahrscheinlich die Unterwelt darstellend; bald aber beginnt das Orchester ekstatisch aufzublühen in Naumanns leichtem, italienisch beeinflusstem Stil. In einem ruhigeren Abschnitt hört man Orpheus’ Gesang und Harfenspiel, bevor die Ouverture sehr festlich endet. In einem Gemälde seines Bruders ist Naumann abgebildet, wie er zum Komponieren an einem kleinen Clavichord sitzt, sodass wir uns vorstellen können, wie diese Musik klang, während er sie schrieb.

Friedrich Ludwig Æmilius Kunzen (1761–1817)

Eine der Lieblingsgestalten in Kopenhagens Musikleben war Friedrich Ludwig Æmilius Kunzen. Er wuchs in Lübeck als Wunderkind auf und Autodidakt, da sein Vater ihn zum Jurastudium bestimmte. J. A. P. Schulz, der ihm im Konzertprogramm nachfolgt, empfahl ihm, nach Kopenhagen zu gehen, wo Kunzen durch sein virtuoses Spiel unmittelbar Erfolg hatte. Er komponierte eine Oper in Dänisch, „Holger Danske“, die unglücklicherweise eine heiße Debatte über den deutschen Einfluss in Kopenhagens Kulturleben auslöste, da die meisten führenden Musiker Deutsche waren. Für eine Weile verließ Kunzen das Land, aber 1795, als sich der Streit abkühlte, wurde er Kapellmeister der Kopenhagener Oper in der Nachfolge von Schulz, eine Position, die er bis zu seinem Tod innehatte. Er schrieb mehrere Opern und Musikspiele, und die Klavierwerke, die er komponierte, geben eine Vorstellung davon, wie er die Zuhörer bezauberte, wenn er bei gesellschaftlichen Zusammenkünften improvisierte.

Johann Abraham Peter Schulz (1747–1800)

Kunzens Mentor, Johann Abraham Peter Schulz, wurde in Lüneburg geboren und studierte bei Johann Philipp Kirnberger, der seinerseits ein Schüler J. S. Bachs war. 1787 wurde er „per headhunter“ zum Leiter der Kopenhagener Oper bestimmt. Hier griff er nach der dänischen Sprache und schrieb viele Lieder, die noch heute populär sind. Er ist vor allem bekannt für seine „Lieder im Volkston“ und für die Hymne „Der Mond ist aufgegangen“, aber er schrieb auch einige exquisite Werke für Tasteninstrumente. Unter diesen sind die „Six diverses pièces“ und die „Sonate“ die bedeutendsten – sie bilden den Hauptteil des heutigen Programms.

Die „Sechs Stücke“ sind sehr verschieden und zeigen ganz unterschiedliche Eingebungen. Das erste ist eine zweiteilige Invention, vielleicht eine Hommage an J. S. Bach, mit Umkehrungen des Themas und sehr dichter Struktur.

Die nachfolgenden Charakterstücke sind verschiedenen mysteriösen Namen wie C. B. oder L. B. gewidmet, worüber sich nur rätseln lässt. Vielleicht meint einer von ihnen Carl Philipp Emanuel Bach, den Meister des Clavichords und des Genres „Charakterstück“?

Das vierte Werk besitzt lyrischen Gestus und hält möglicherweise den Weltrekord in sog. Alberti-Bässen, die über 200 Takte laufen. Auf dem Cembalo fällt es schwer, den Eindruck einer Nähmaschine zu vermeiden, das Clavichord bietet jedoch vielfältige Möglichkeiten einer Schattierung.

Die Dramatik nimmt zu im fünften Stück, mit rhetorischen Arpeggi und verminderten Akkorden, und endet mit dem als am intensivsten emotionalen Werk der Sammlung, dem abschließenden Larghetto con variazioni. Hier kommt Schulz seinem Vorbild Carl Philipp Emmanuel Bach gleich in einem sehr persönlichen Stil.

Die Sonate op. 2 ist ein sehr viel mehr extrovertiertes Werk. Der groß angelegte erste Satz ist sicherlich geschrieben, um den Zuhörer zu beeindrucken. Mit Tonleitern, Überkreuzen der Hände und orchestralen Timbren mag es sogar geschrieben sein mit dem Pianoforte im Sinn. Der zweite Satz führt uns jedoch in eine völlig andere Welt und vermittelt den Eindruck einer privaten, seelenvollen Improvisation auf dem Clavichord. Im letzten Satz werden wir zurückgebracht in ein Leben leichten scherzohaften Charakters, bevor abrupte absteigende Skalen dem Stück ein Ende setzen.

Mads Damlund studierte Klavier und Orgel am Königlich-Dänischen Konservatorium in Kopenhagen sowie anschließend am Conservatoire National Supérieur in Lyon; 2006 schloss er in Kopenhagen die solistische Orgelklasse ab. Seither wirkte er als Organist an der Kirche von Jægersborg nahe Kopenhagen, um vor kurzem das Amt des Ersten Organisten der Frederiksberg-Gemeinde in Dänemarks Hauptstadt zu übernehmen.

Mads spielte das gesamte Orgelwerk von Dietrich Buxtehunde und von Johann Sebastian Bach in Form einer Konzertreihe ein; er nahm mehrere CDs auf. Zuletzt schrieb er ein Buch über die Marcussen-Orgel in Jægersborg und die Orgel-Reformbewegung. Als Clavichordspieler gastierte Mads Damlund in zahlreichen Konzerten. Darüberhinaus verfügt er über eine Sammlung von alten und neu gebauten Clavichorden aus unterschiedlichen Stilperioden.

Und was die Zuhörer dieses bemerkenswerten Konzerts angeht, bleibt festzustellen: sie waren überrascht von der Fülle an Dynamik und Farben, die sich unter den Fingern von Mads Damlund diesem zarten, insgesamt leisen Instrument Clavichord entlocken lassen. In hohem Maße trug dazu die Fähigkeit von Mads bei, auch das leiseste Pianissimo (leiser, als viele es hervorzubringen vermögen) noch hörbar zu machen. Verfolgte man Passagen seines Spiels mit geschlossenen Augen, konnte man sehr wohl die deutlich weiter gespannte dynamische Bandbreite eines Opernorchesters wahrzunehmen meinen – mit anderen Worten: für uns Anwesende waren dieser die 46. Clavichordtage beschließende Beitrag von Mads Damlund eine wirkliche Premiere (des „symphonischen“ Einsatzes unseres zartbesaiteten Instruments nämlich), ein Gewinn somit und ein in hohem Maße zufriedenstellender Genuss.

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Bildergalerie

Ellen Hünigen beim Stimmen, dann bei ihrem Vortrag

Ellen Hünigen beim Stimmen, dann bei ihrem Vortrag

Valentina Villaseñor in der Vorbereitung

Valentina Villaseñor in der Vorbereitung

Heiko Hansjosten, Sander Ruys und Andreas Hermert; Guido Sold, Alison und Hartmut Schlums

Von links nach rechts: Heiko Hansjosten, Sander Ruys und Andreas Hermert; Guido Sold, Alison und Hartmut Schlums

Valentina des Abends im Foyer bei der Vorstellung ihres „eklektischen Klavierbüchleins”

Valentina des Abends im Foyer bei der Vorstellung ihres „eklektischen Klavierbüchleins”

Im vorderen Drittel des Auditorium Maximum trägt Herr Spree über Anna Magdalena Bach vor.

Im vorderen Drittel des Auditorium Maximum trägt Herr Spree über Anna Magdalena Bach vor.

Sonntags im Foyer, den Künstler erwartend (links); dieser erscheint, er konzentriert sich; das Spiel kann beginnen.

Sonntags im Foyer, den Künstler erwartend (links); dieser erscheint, er konzentriert sich; das Spiel kann beginnen.

Ein kurzes Innehalten – Zurechtrücken des Notenblatts

Ein kurzes Innehalten – Zurechtrücken des Notenblatts – Und während des eigentlichen Spiels (unten).

Der Künstler während des eigentlichen Spiels Applaus: das Spiel ist zu Ende – Das Schlusswort der Clavichordtage wird gesprochen.

Applaus: das Spiel ist zu Ende – Das Schlusswort der Clavichordtage wird gesprochen.

Was nicht davon abhält, dass Nachgespräche geführt werden:

Links Sander Ruys zusammen mit Heiko Hansjosten und Werner Funke, rechts Hartmut Schlums mit Herrn Spree.

Links Sander Ruys zusammen mit Heiko Hansjosten und Werner Funke, rechts Hartmut Schlums mit Herrn Spree.

Lothar Bemmann im Gespräch mit Ralf Beierle (links) und Mads Damlund (rechts).

Lothar Bemmann im Gespräch mit Ralf Beierle (links) und Mads Damlund (rechts).

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